Mali | gesellschaftliche und linguistische Beobachtungen zur Genderfrage

Demnächst wird an der FATMES ein Vortrag über die Genderdebatte angeboten. Das ist gut so, denn das Thema ist auch in den christlichen Kreisen angekommen. Eine rein biblische Betrachtungsweise mit apologetischem Unterton reicht meines Erachtens aber nicht aus. Sowohl das Christentum als auch der Islam vertreten ein Gottes- und Menschenbild, das erst im Mittelalter und in der Neuzeit auf die malische Kultur getroffen ist. Die Spurensuche in der malischen Kultur wäre also ein wichtiger Schritt, der vorgeschaltet werden sollte und sich im Übrigen als sehr aufschlussreich erweist. Die Meinungen zum Thema werden sehr stark vom traditionellen, kulturellen Rollenverhalten geprägt. 

WELTBILD
Das Weltbild und die daraus hervorgehende Rangfolge im gesellschaftlichen Rahmen sind klar geordnet.
In der Rangfolge stehen Gott und die unsichtbaren Geister über der sichtbaren Welt. Der Übergang ist durchlässig. Kontakte sind also möglich, die durch religiöse Persönlichkeiten aufgenommen werden. In der sichtbaren Wirklichkeit stehen Alte über Jungen und Männer über Frauen. 

GENDER IN DER PRESSE
In den Zeitungen bzw. Internetplattformen ist das Thema Gender längst Bestandteil des Journalismus geworden. Jedoch beschränkt sich die Debatte im malischen Kontext noch ziemlich eng auf die Frage nach dem angemessenen Rollenverhalten von Männern und Frauen in der Gesellschaft, Gewalt an Frauen usw.. 

TEXTE UND KULTURBEZUG IN DER GENDERDEBATTE
Das Recht auf Gleichbehandlung findet sich nicht nur in den zahlreichen Texten, die die Vertreter des malischen Staates im Laufe der letzten Jahre unterzeichnet haben, wie ...
  • die Menschenrechtskonvention der UNO (1948), 
  • die Charta der Afrikanischen Union (1981), 
  • die Konvention gegen die Diskriminierung von Frauen (1985),
  • das Pekinger Aktionsprogramm (1995),
  • die Millenniumserklärung (2000)
Nicht zuletzt ist es die malische Verfassung von 1992 selber, die das Recht auf Gleichbehandlung und Gleichstellung in der Gesellschaft aufgreift.
In einigen Texten werden Bezüge zur malischen Kultur hergestellt. So stehen das traditionelle Konzept der mogoya (allgemeine Wert der Menschheit) und des jatigiya (auf Solidarität basierendes Zusammenleben und Gastfreundschaft) stehen hier Pate (z.B. "Politique Nationale Genre au Mali" herausgegeben vom Familienministerium). 
Ein Sprichwort aus dem westafrikanischen Ghana besagt: Jeder Mensch ist ein Kind Gottes, niemand ist ein Kind der Erde. Um die Bedeutung der Menschheit zu beschreiben, gibt es mehrere Begriffe und Konzepte:
a. Mogoya besagt, dass alle Menschen gleichwertig sind in ihrer Unterscheidung von der Tierwelt und den mystischen Fabelwesen.
b. Eher selten, aber durchaus bekannt, ist der Begriff mogoninfinya (wörtl. kleine schwarzhäutige Menschheit; bzw. das diesen Menschen entsprechende Verhalten). Es ist typisch für afrikanische Sprachen, dass Begriffe nicht aus der Abstraktion, sondern durch die konkrete Anschauung gebildet werden. Die Menschen schauen sich um. Sie nehmen wahr, dass alle schwarze Haut haben und relativ klein sind und den gleichen Regeln folgen. Hier ist klein, im Sinne von unbedeutend wohl weniger impliziert. Die schwarze Haut ist für viele Afrikaner eine ambivalente Geschichte. Die einen sind stolz, afro zu sein, andere betrachten ihre Haut als Sinnbild der Unterdrückung, negativer Vorherbestimmung oder Minderwertigkeit. Einer meiner Kollegen sagte mir einmal im Bezug auf einen Dieb, der uns Geld gestohlen hatte: "Seine Seele ist so schwarz wie unsere Haut".
Viele Frauen benutzen Produkte, um ihre Haut aufzuhellen. Die Farbe der Haut ist auch aus afrikanischer Sicht oft ein Anlass, die weltanschauliche und rassische Andersartigkeit zu unterstreichen. Ein Gesprächspartner sagte mir: "Das, was uns beide unterscheidet ist unsere Herkunft (also der prägende Kontext: er aus Mali, ich aus Deutschland) und die Hautfarbe (er ein Schwarzer, ich ein Weißer)". Meine Gegenfrage war: "Warum ist die Hautfarbe so wichtig, um als wesentliches Unterscheidungsmerkmal genannt zu werden? Antwort: Keine. Aber es liegt auf der Hand, warum die Farbe der Haut für viele Afrikaner zu einem "Wesensmerkmal" geworden zu sein scheint. Leider sprechen die geschichtlichen Entwicklungen, das Verhalten der Weißen ihnen gegenüber und die Entstehung des Rassismus eine eindeutige Sprache. Die Klassifizierung in menschliche Rassen ist aber eine menschliche Erfindung und keine in der Schöpfung, von Gott oder der Natur her, angelegte Unterscheidung. 
c. Alle Menschen stammen vom Urahnen Adam ab, einer Persönlichkeit, die sich im islamischen wie auch im jüdisch-christlichen Kontext findet. Das in diesem Zusammenhang gebräuchliche Wort adamadenya entstammt also nicht der ursprünglichen Kultur, sondern ist ein Import aus den Zeiten der arabo-islamischen Invasion im Mittelalter.
Für die malische Gesellschaft ist klar, dass Menschen gleichen Wert und gleiche Abstammung haben, aber sich dennoch biologisch und im sozialen Rollenverhalten unterscheiden.

GENDER UND BESCHNEIDUNG
In den frühen Mythen der Dogon und Bambara werden die ersten menschlichen Wesen als Zwillinge geboren. Sie tragen in sich jeweils ihr weibliches und männliches Doppel. Die Natur war also nicht eindeutig in der Zuordnung.
Selbst wenn Zwillinge als Mann oder Frau geboren wurden, trugen sie weiterhin ihren "geschlechtlichen Doppelgänger" als Hermaphrodit (Zwitter) in sich. Was war die Folge? Die so "ausgestatteten Menschen" zogen sich in sich selbst zurück, waren geprägt von mangelnder Neugier und eingeschränktem Wissen über ihre Umwelt. Es kam aber vor allem zu einem mangelnden Interesse am anderen Geschlecht. 
Diese Entwicklung war jedoch dem Bedürfnis nach Fortpflanzung und dem Überleben der Gruppe unzuträglich. Die Mythenerzählungen besagen, dass jedes der verschiedenen 
Prinzipien (weiblich in der Vorhaut des Mannes und männlich in der Klitoris der Frau) die Begegnung mit dem anderen Geschlecht behinderten. Dies sollte und musste geändert werden. Deshalb entschloss man sich zur Beschneidung von Mann und Frau (bolokoli). Die Suche nach einem andersgeschlechtlichen Partner wird somit zu einer nostalgischen Suche nach dem "geschlechtlichen Doppelgänger", die im Bund der Ehe ihre Erfüllung findet. 
Dass die Klitoris der Frau, wie sie auch beschaffen sein mag, den Geschlechtsverkehr oder die Geburt eines Kindes behindert, so wie im Dogon-Mythos beschreiben, dies ist ein reine Erfindung und entbehrt jeglicher natürlichen Erfahrung und Anschauung. Hier zeigt sich, dass Mythen keine wissenschaftlichen Fakten schildern, sondern einen Narrativ darstellen, der sich als notwendig für die Steuerung der Gesellschaft und deren Überleben erweist.
Bei den Bambara hat sich die Kraft des Bösen (Wanzo) in der Vorhaut des Mannes und in der Klitoris der Frau materialisiert. Deshalb müssen sie beide entfernt werden. Bei den Dogon beschmutzen und verdunkeln Vorhaut und Klitoris die Seele.
In Wirklichkeit diente die Beschneidung aber einer von der Gesellschaft angestrebten sexuellen Differenzierung, d.h. einer geschlechtsspezifischen Verteilung der männlichen und weiblichen sozialen Rollen. 
Nur durch diese Differenzierung konnte es gelingen, den Jungen und Mädchen durch Initiation ihre spezielle soziale Rolle zu erklären und sie in sie einzuführen.
Die Beschneidung (Exzision) markierte also den Übergang von einem Zustand in einen anderen, vom Jungsein zum Erwachsensein, vom Vorher zum Nachher. 
Die tradierten Rollen führten zu einer etablierten Gesellschaftsordnung, wo die Frau dem Mann unterstellt war. Doch von Anfang an hatte die Frau eine große Verantwortung für das, was sich im Haus und in der Familie abspielte.
Wichtig zu begreifen ist, dass die Integrität der Körper absichtlich verletzt werden musste, da das Kind, um von einem Zustand in einen anderen zu gelangen, sozusagen "symbolisch sterben" musste, um in einem anderen, neuen Leben aufzuerstehen.
Die körperlichen Spuren der Beschneidung zeigen als "Marker", dass die Person wirklich in die Geheimnisse des neuen Lebens eingeweiht worden war. Beschneidung bedeutete eine soziale Beförderung und die offizielle Aufnahme ins Kollektiv. Da die Beschnittenen oftmals eine Zeit lang alleine in Gruppen im Busch unterwegs sind, wird ihre Rückkehr ins Dorf als Beförderung gefeiert.
Wer nicht beschnitten war (bilakoro), war somit isoliert. Eine unbeschnittene Frau wird als ein Wesen ohne definiertes Geschlecht, ohne Kultur, ohne Rolle, ohne soziale Anerkennung, ohne Religion und als unrein angesehen.
Der Anthropologe Cazeneuve sagt: "Wer nicht initiiert ist (also beschnitten), ist nicht mit einer profanen menschlichen Natur ausgestattet, er ist überhaupt kein Mensch". Unbeschnitte haben in traditionellen Kreisen kein Rederecht, weil sie noch vom Dunkel der Unwissenheit umgeben sind. Sie haben ihre Hand noch nicht in die "Schüssel des Wissens" getaucht und sich davon ernährt. Die neuen sozialen Werte sind ihnen unbekannt.
Von daher versteht sich, wie hoch der soziale Druck ist. Es wird auch klar, dass westliche Blickwinkel z.B. auf die afrikanische Mädchenbeschneidung, viel zu kurz greifen, weil sie vom individualistischen Weltbild ausgehen. Die westliche Sichtweise "suggeriert", dass jede Frau die Beschneidung als einen gewalttätigen Eingriff in ihre Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit begreifen muss. Von daher gilt es, diese Praxis abzuschaffen.  
Christine Bellas Cabane, eine französische Anthropologin, berichtet in einer empirischen Untersuchung zum Thema, dass "einige Mädchen beschlossen, sich heimlich exzidieren zu lassen, wenn ihre Eltern dagegen waren. So habe ich das Zeugnis einer Ärztin gesammelt, die sich mit 15 Jahren freiwillig unters Messer legte, so sehr war ihre Marginalität (soziale Isolierung) für sie unerträglich".
Der skizzierte mythische Ursprung zeigt einerseits, dass Beschneidung für eine geschlechterspezifische Rollenzuteilung benutzt wurde. Andererseits hat sich auch gezeigt, dass der Zustand der geschlechtlichen Ambivalenz als minderwertig angesehen wird, weil das Überleben der Gesellschaft so nicht gesichert wäre. Natürlich hat sich auch in Afrika vielerorts die Sichtweise geändert. Auch hier sind Antike und Mittelalter Geschichte. Der "kollektive Automatismus" wird vielerorts durchbrochen. So entscheidet heute in vielen Fällen die Familie darüber, ob ein Mädchen beschnitten wird oder nicht. 
Heute wird ganz allgemein und scheinbar unbeeindruckt von Mythen aus alten Zeiten gesagt: Männer werden beschnitten, weil das Kraft vermittelt. Frauen werden beschnitten, weil dies Schönheit ausstrahlt. Oder: Die Beschneidung ist bei den Männern eine Frage der Hygiene. Die Beschneidung der Frau soll die sexuelle Begierde unterdrücken. Fest steht, dass die Mythen irgendwie eine kulturelle Langzeitwirkung und ihren "festen Sitz" in der Tradition zu haben scheinen. Deshalb ist es schwer, diese einfach im Namen eines modernen aufgeklärten Welt- und Menschenbildes auszuhebeln.


GENDERPROBLEMATIK IN GESELLSCHAFT UND KIRCHE
Die politisch gewollte und von Minderheiten geförderte Ideologie des Gendermainstream im Sinne einer freien Wahl des sozialen und teilweise auch biologischen Geschlechts wird in Mali als vollkommen absurd und abwegig empfunden. Diese Ideologie bringt keinerlei Vorteile für die Entwicklung des Kollektivs. Sie steht dem Empfinden dessen was natürlich ist im Wege. 
Im Allgemeinen werden die Phänomene und Fragestellungen rund um Emanzipation, Gleichberechtigung, Rechte von sexuellen Minderheiten(wie z.B. Homosexuelle) 
entweder als Importe oder Konstrukte der westlichen Kultur empfunden (wie z.B. Transgender u.a. Queer) bzw. "totgeschwiegen". Jeder hier im Lande weiß, dass es homosexuelle Frauen und Männer gibt, doch sie haben keine Lobby. Wenn wir Maliern versuchen zu erklären, was "Queer" bedeutet, dann schütteln sie unverständlich mit den Kopf und sagen: So etwas können sich nur Menschen ausdenken, die keine Werte mehr haben und ihren individualistischen Empfindungen freien Lauf lassen - für malische Verhältnisse also ein no-go und ein Luxusproblem. Es gibt im Land vereinzelt Gruppen, die sich dem neuen "Queer-Denken" öffnen, aber sehr am Rande und weit ab von der öffentlichen Wahrnehmung. 
Natürlich gibt es Gesetzesvorhaben, die den allgemeinen Menschenrechten entsprechen und die auf dem Papier der Ungleichheit und Ungleichbehandlung von Frauen den Kampf ansagen. Ende letzten Jahres gab es mehrere regionale Konferenzen, auf denen häusliche Gewalt thematisiert wurde. In Wabaria (Region Gao) hat die Jugend der Region am 15.12.2019 eine Konferenz zum Thema veranstaltet. Die ONG TOSTAN berichtete Ende Dezember, dass es in 2019 alleine in der Gegend um Koulikoro 117 gemeldete Fälle gegeben hat, wo Frauen Opfer von Gewalt wurden, die von Männern ausging. Der malische Verein für Menschenrechte hat gemeinsam mit dem Internationalen Komitee für die Entwicklung der Völker am 17. Dezember 2019 eine von der EU finanzierte Konferenz durchgeführt. Hier wurden auch die Themen Mädchenbeschneidung und Zwangsehe angesprochen. 
Menschenrechtsorganisationen und NGO sensibilisieren, klären auf und schlagen Konzepte vor. Zu nennen wäre Genre en Action, eine französische Initiative, die in afrikanischen Ländern die Stellung der Frau in Wirtschaft und Gesellschaft fördern möchte. Daraus resultieren dann Dokumente wie das "Projet de Renforcement des Capacités Des Organisations Féminines du Mali (RECOFEM)", das im Namen des Familienministeriums herausgegeben wurde. 
Die entsprechenden Gesetzesprojekte werden auch aufs Trapez gehoben, weil sich die politisch Verantwortlichen darüber im Klaren sind, dass Finanzspritzen an die Umsetzung solcher Gesetze gebunden sind. Die erwähnten Initiativen werden von aufgeklärten Frauen und Gebildeten begrüßt, jedoch von der großen, muslimisch geprägten Mehrheit als Produkte eines geistigen und ideologischen Kolonialismus angesehen. Hier kommt der "Hohe islamische Rat in Mali" ins Spiel. Er hat großen Einfluss auf die Politik. Wenn er den Daumen senkt, dann weiß jeder Politiker, was die Stunde geschlagen hat und dass er gut daran tut, zu progressiv anmutende Gesetzesnovellen vorerst auf Eis zu legen. 
Die meisten Dokumente liefern gute soziologische und statistische Analysen. Sie bieten jedoch keine reflektierte, nachvollziehbare Verbindung mit der Kultur und Tradition (Kontextualisierung) des Landes, die es der Mehrheit der Bevölkerung leicht machen würde, kopfnickend zuzustimmen.
Ein anderer Grund für die schleichende Umsetzung der Gleichstellungskonzepte liegt in der westafrikanischen Philosophie und Mentalität begründet. Der kollektivistische Grundansatz in der malischen Gesellschaft kennt i.d.R. keine "Selbstbestimmung" von Individuen und Ich-Konzepte, so wie dies in westlichen Gesellschaften aufgrund ihrer Geistesgeschichte weit verbreitet ist. 
Bei der Lektüre der entsprechenden Texte fällt auch auf, dass die Forderung nach Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft stark vom wirtschaftlichen Interesse geprägt ist, ähnlich wie im Westen. Frauen müssen die gleichen Rechte auf Bildung, Arbeitsplatz, Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, Verdienstmöglichkeiten usw. zugestanden werden, damit die Gesellschaft davon wirtschaftlich profitieren kann. Das wäre zumindest ein Ansatz, der teilweise dem Wir-Gefühl entspräche. Er müsste aber durch den sozialen und moralischen Status, den Frauen und Mütter ganz unabhängig von der Frage nach wirtschaftlicher Effizienz innehaben, erweitert werden. 
In den Straßen und Höfen der malischen Städte und Dörfer beobachten wir, dass Frauen die meiste Last des Alltags zu tragen haben und das im wahrsten Sinne des Wortes. Frauen leiden zudem unter körperlicher Überbelastung, häuslicher Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen. Doch die Mehrheit, auch viele Frauen, sind trotz dieser Tatbestände noch lange nicht bereit, die Gesetzeslage zu verändern. 
Im Allgemeinen und auch in christlichen Kreisen wird bis heute bei jeder Trauung die Unterordnung der Frau unter den Mann gepredigt - Muso, i ka kan ka kolo i ce ye! Vor einiger Zeit wurde uns bei einem Eheseminar, zu dem wir eingeladen worden waren, bewusst, wie sehr diese "Indoktrinierung" zu Problemen in Familie und Ehe führt. Die von den Frauen in die Debatte eingebrachten Aspekte waren eindeutig. Männer kommunizieren nicht genug, verwalten die Kasse des Hauses eigenmächtig, bürden den Frauen einseitig Lasten auf, was Kinder, Erziehung und Haushaltsführung angeht. Irgendwann entstehen dann Parallelwelten. Männer verweisen bei Erziehungsproblemen oder anderen die Rolle der Frau betreffenden Fragen gerne auf die weiblichen Verwandten der Frau als Ratgeber, statt das Gespräch innerhalb der Ehe zu suchen und die Fragen gemeinsam anzugehen.
Irgendwann werden die Frauen  "wach" und beginnen ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, allen Bibelversen zum Trotz. 
Andererseits sagen Männer, dass sie die Hauptlast bei der Versorgung der Familie tragen, selbst dann, wenn die Frau eigenes Geld verdient. Frauen, die kein hohes Bildungsniveau haben, rechnen damit, dass ihr Ehemann "alles im Griff" hat, auch finanziell. Deshalb werden sie von ihren Männern auch nicht in die Kassenführung der Familie oder andere wichtige Entscheidungen eingebunden. Sollte es zu Engpässen kommen, erfährt dies meist zunächst ein enger Freund und die Ehefrau ganz zum Schluss. Das Verhältnis von Mann und Frau ist nach wie vor stark von Rollenerwartungen geprägt. Das innereheliche Gefälle hat zur Folge, dass die schon angesprochenen Parallelwelten  entstehen und die Kommunikation und schließlich auch die Harmonie darunter leideen.   

GENDER UND LEDIGE
In Mali haben verheiratete Menschen einen höheren Stellenwert als Ledige. Die Selbstbestimmung des Menschen zu sagen, ich bleibe bewusst ledig, weil das meinem individuellen Lebenskonzept entspricht, wirkt in der malischen Gesellschaft sehr befremdlich. Das gilt für Männer und für Frauen. Wer Mitte 30 noch nicht verheiratet ist, dem werden reichlich Empfehlungen gemacht und Hilfen angeboten, dies doch zeitnah zu ändern. In Gottesdiensten wird regelmäßig für Menschen im heiratsfähigen Alter gebetet, dass sie in nächster Zeit den richtigen Partner finden mögen. Auf Jugendkonferenzen befindet sich die Frage nach der Partnersuche mit großer Sicherheit auf der Agenda. 
Ledige Frauen sind im Beruf und in der Nachbarschaft oftmals zweifelhaften Angeboten ausgesetzt, so als ob unverheiratete Frauen für jeder-mann zu haben wären. Das ist natürlich unangenehm und belastend. Fest steht: Wer ledig bleiben will, der muss sich erklären. Unter diesem Tatbestand leiden die betroffenen Personen, auch weil sie sich ganz unabhängig von den gesellschaftlichen Erwartungen selber Vorwürfe machen und sich fragen, was mit ihnen los ist. Eine Gesprächspartnerin und langjährige Freundin aus Bamako, die aus bestimmten Gründen "immer noch ledig ist", hat uns dies in einem persönlichen Gespräch bestätigt. Sie sehnt sich nach einer Lebensphase wo sie sagen kann: Das ist mein Mann. Das sind meine Kinder. Das ist meine Familie, und mein Haus. Aber eben nicht um jeden Preis. - Leider gibt es zu viele Beispiele malischer Ehen, wo die Entwicklung sehr unglücklich verläuft, die Partner sich auseinander leben und der Eindruck entsteht, dass hier nur aufgrund der gesellschaftlichen Erwartungen geheiratet wurde. Liebevolle Zuwendung, eine gute Basis der Kommunikation und gemeinsame Lebensziele spielen bei der jungen Generation in Mali auch eine Rolle. Von daher reicht der Verweis auf Traditionen und Rollenerwartungen nicht aus.
Ledige werden im Familienverband aufgefangen. Es ist das gleiche Kollektiv, was einerseits "Druck aufbaut" und andererseits ganz selbstverständlich Ledige aufnimmt und ihnen Aufgaben zuteilt.

LINGUISTISCHE SPUREN IM BAMANAN
Bei meinen Überlegungen zum Thema Gender, im Sinne des biologischen (sex) und soziologischen (gender) Geschlechts, bin ich auf eine linguistische Spur gestoßen, die ich sehr interessant fand. Ich wollte wissen, welche Begriffe den Ursprung und die soziale Ausprägung der Geschlechter beschreiben und welche Auswirkungen dies auf die Einordnung und auf mögliche Verhaltensänderungen haben könnten. Diese Spuren habe ich mit malischen Gesprächspartnern geteilt und gegengeprüft.
Folgendes ist dabei herausgekommen:
Die folgende Grafik bietet einen Überblick über den semantischen Befund. 

a. ALLGEMEIN:
  1. In Mali steht aus heutiger Sicht von Anfang an fest, dass ein Mensch entweder als Mann oder als Frau geboren wird. Biologische Abweichler wie Hermaphrodite (cetemusote: Zwitter) werden marginalisiert. Transsexualität und Homosexualität werden als individuell gefärbte und durch soziale Umstände bzw. Medienbeeinflussung entstandene Phänomene wahrgenommen (siehe Graphik unten). Hier und da hört man auch Sätze wie: "Das (die Anormalität des Geschlechts) ist ein Urteil Gottes! Der Umgang mit Zwitter mündet in der sozialen Ächtung. Homosexuelle und Transgender müssen, besonders in islamisch konservativen Kreisen mit körperlicher Züchtigung und Totschlag rechnen. Für die Auffassung, dass in den genannten Fällen auch biologisch genetische, also natürliche Phänomene eine Rolle spielen könnten, gibt es wenig Verständnis.
  2. Der als Junge oder Mädchen geborene Mensch durchläuft mehrere Stadien, bevor er seine gesellschaftliche Reife erreicht hat. 
  3. Verheiratete haben einen höheren Stellenwert als Ledige. 
  4. Der Status in der Gesellschaft ist wichtiger als das individuelle Recht des Einzelnen. Das Wir hat Vorrang vor dem Ich und der Ich-Du-Beziehung. Die kollektive Wir-Komponente bestimmt Weltbild und Ethik im subharaischen Afrika (so Maurice Tschiamalenga Ntumba aus Kinshasa). Das Wir umfasst die Kleinfamilie, die erweiterte Großfamilie und zwar die lebenden und schon verstorbenen Mitglieder. 
  5. Die soziale Rolle ist in der WIR-Konzeption folglich wichtiger als das biologische Geschlecht.
b. AUF DAS MÄNNLICHE GESCHLECHT UND SEINE SOZIALE ROLLE BEZOGEN:
  1. Der Junge durchläuft seine Kindheit als "männliches Kind" (denke), wird zum Jugendlichen (kamalen) und tastet sich hier allmählich an seine künftigen Aufgaben in der Gesellschaft heran. Er wird zum cebakoro, der durch Initiationsriten und Wissenstransfer auf seine künftige Rolle in der Gesellschaft vorbereitet wird.
  2. Erst wenn der Mann verheiratet ist, wird er zum "vollwertigen Mann" - zum ce. Wenn er Kinder zeugt wird er zum fa (Vater), dem Mann also, der vollwertig und zielstrebig seinen Beitrag für die Gesellschaft leisten will, indem er eine Familie gründet. Der fa besitzt Eigenschaften, die eher die Quantität des menschlichen Lebens ansprechen: Erreichen von Zielen, wirtschaftliche Unabhängigkeit, berufliche Kompetenzen u.a. Im Hintergrund steht eine Mentalität, die Fülle, berufliche Ausdauer, Planung und  Verantwortung für grundlegende Entscheidungen abdeckt. Deshalb gilt der fa als Familienoberhaupt und als rechtlicher Vertreter des Familienverbandes. 
  3. Fa wird auch als Ahnherr übersetzt. Hier zeigt sich, dass Männer die in der Familie ausgeübte Religion bestimmen. 
  4. Das Konzept des ce deckt ein umfangreiches semantisches Feld ab. Die meisten Wortkompositionen weißen auf seine Fähigkeiten als Soldat, Held und ausdauernder Arbeiter hin. Andere zeigen die Bedeutung des Beschnittenseins für die wahre Männlichkeit, aber auch positive und negative Tugenden wie Verlässlichkeit (Ehrenwort) oder Streitsucht.
  5. Der cekoroba ist der alte, erfahrene, weise Mann. Der Begriff wird nicht nur gebraucht, um einen Mann im fortgeschrittenen Alter zu bezeichnen. Cekoroba ist auch ein Ehrentitel, der jemandem gebührt, der Weisheit ausstrahlt und auf Aktionen verweisen kann, die dem Kollektiv nachweislich zugute gekommen sind.

c. AUF DAS WEIBLICHE GESCHLECHT UND SEINE SOZIALE ROLLE BEZOGEN:

  1. Die Mädchen werden als denmuso (weibliches Kind) geboren, durchlebt seine Kindheit und wird zur npogotigi. Dieses Wort aus dem Bamanan bezeichnet eine junge Frau, die geburtsfähig ist aber noch jungfräulich ist. Auch die junge Frau wird in die "Geheimnisse des Lebens" und ihre Verantwortung eingeführt (musubakoro). 
  2. Als verheiratete Frau (muso) erhält sie den vollwertigen Status in der Gesellschaft. Jetzt ist sie auf einem guten Weg, die ihr zugedachte Rolle im Kollektiv einzunehmen.
  3. Doch erst die Frau, die zur Mutter (ba) geworden ist, hat ihre eigentliche Bestimmung erreicht, die ihren sozialen Status anhebt und absolute Anerkennung einbringt. Die Mutter verkörpert die zentrale emotionale Instanz in der Familie. Sie setzt moralische Maßstäbe, sorgt für den Zusammenhalt und ist auch in vielerlei Hinsicht für den wirtschaftlichen Unterhalt zuständig.
  4. Das semantische Feld der ba deckt eher qualitative Aspekte ab. Mütter sind bedeutsam, ernsthaft, wichtig für die Gesellschaft, sie haben Mut und Energie, weil sie Kinder gebären und sie ernähren. Sie übernehmen Verantwortung und haben deshalb ungeteilten Respekt und Ehrerbietung verdient. 
  5. Der soziale Status der ba (Mutter) ist bedeutsamer als der des fa (Vater). Hierzu einige praktische Beispiele aus dem malischen Alltag:
  • Sprichwörter, die die Sonderstellung der Mutter hervorheben: Eine schöne Frau ist die, die ein Kind auf dem Rücken trägt (Mali). Ohne Kinder bist du nackt (Nigeria). Eine Mutter ist Gott Nummer 2 (Malawi). Eine Mutter ist Gold, ein Vater nur ein Spiegel (Nigeria).
  • Wettkampf: Im Dogonland ist der traditionelle Ringkampf weit verbreitet. Turniere werden organisiert. Wer hier als Sieger hervorgeht, kann sich feiern lassen. In einem Dogondorf in der Nähe von Koro ging ein junger Mann mit dem Familiennamen Guindo (Name des Vaters) als Sieger aus den Wettkämpfen hervor. Seine Mutter ist jedoch eine geborene Sagara. Der Vater des Sportlers, also ein Guindo, schnappte sich am nächsten Tag eine Trommel und suchte alle Frauen mit dem Familiennamen Sagara auf, um ihnen in altbewährter Griotmanier Lobeshymnen zu singen. Der Grund ist einfach: Es war eine Sagara, die den jungen Guindo zur Welt brachte, ihn ernährte und zu dem kräftigen jungen Sportler gemacht hat, der er heute ist. Deshalb gebührt der Mutter alle Ehre.
  • Scheidung: Wenn sich Vater und Mutter trennen und es zur Scheidung kommt, dann nehmen die Kinder, egal ob Söhne oder Töchter, immer die Mutter in Schutz und klagen den Vater an. Der Grund liegt auch hier in der Tatsache begründet, dass Kinder dem Herzen der Mutter näher stehen, ihr die Ehre erweisen, weil sie es war, die sie zur Welt brachte.
  • Protest: Kurz vor dem Staatsstreich im Jahre 2012 marschierten Mütter den Koulouba (Hügel vor der Stadt Bamako, wo sich der Sitz des Präsidenten befindet) hinauf, drangen ohne Widerstand in die präsidialen Gemäuer ein und stellten den Präsidenten des Landes zur Rede. Im hohen Norden Malis tobte damals ein Kampf der malischen Armee gegen mit modernsten Waffen ausgestatteten Rebellen. Die malische Armee zog sich zurück, weil sie mangelhaft ausgerüstet war. Dabei kamen viele Männer und Söhne der Mütter ums Leben, die jetzt in der großen Empfangshalle standen und Rechenschaft forderten. Männer und protestierende Jugendliche hätte man nicht vorgelassen. Doch Frauen und insbesondere Müttern hat man nichts entgegenzusetzen. Wenn sie reden wollen, dann reden sie. Ihr Protest wird gehört, weil Mütter Ehrenpersonen sind, die es immer zu respektieren gilt, auch von einem Präsidenten.  
BA ALS QUALITÄTSMERKMAL
Interessant bei den linguistischen Beobachtungen ist nun die Tatsache, dass das kleine Wörtchen - ba auch als Suffix bei Wortkompositionen benutzt wird. Ba signalisiert ein Mehr an Quantität und Qualität (augmentatives, superlatives Suffix), an Ehre, Autorität und Errungenschaft (z.B. waariba = große Menge an Geld; kuntigiba = bedeutsamer Machthaber). Interessant ist eine Beobachtung bei Mahlzeiten. Wenn ich meine Mahlzeit beendet habe, sage ich in Mali a barika (Dankeschön) und füge hinzu ne fara (wörtl. ich bin gefüllt, also ich bin satt geworden). Ich benutze also das Verb fa (voll sein, füllen im quantitativen Sinn), das dem des Vaters (fa) entspricht. Wenn ich aber die Qualität des guten, überaus köstlich zubereiteten und reichhaltigen Essens betonen möchte, dann sage ich ne ye dumuniba soro (ich habe gut gegessen). Dabei benutze ich das Suffix - ba, was den Qualitäten einer Mutter entspricht. 
Wenn ein Mann auf der Straße begrüßt wird, erwidert er mit nba (wörtl. ich - (du) wichtig/ suffix). Intendiert ist hier die Auffassung, dass ich meinem Gegenüber Ehre und Anerkennung zolle, weil er sich nach mir erkundigt. 

Die Tatsache, dass ausschließlich die Mutter, also eine Frau, das ba für sich als nominative Selbstbezeichnung nutzen darf, sagt schon einiges über ihren herausragenden sozialen Status aus
Einer meiner Gesprächspartner unterstrich deshalb: Bei uns ist die Mutter alles. Sie ist das Herz der Gesellschaft.

Ba repräsentiert als Nomen und als Suffix Qualität und Bedeutsamkeit. So wird aus der muso (normale Frau und Ehefrau) eine ba (Mutter) und/oder eine musoba (bedeutsame, einflussreiche Frau). Selbst Männer, die Bedeutsames auf die Beine gestellt haben (Haus gebaut, Buch geschrieben usw.) werden als ceba bezeichnet. Die Ehefrau ist die demeba, die als unverzichtbare Hilfe an der Seite des Mannes ihre Rolle einnimmt. Die Frau verleiht der Ehe eine bedeutsame Qualität.

In der malischen Gesellschaft ist also nicht das Geschlecht an sich bedeutsam, sondern der soziale Status und der qualitative Beitrag zum kollektiven Zusammenleben. Hier genießt die Frau, die Kinder zur Welt gebracht hat, eine unüberbietbare Stellung. Und - nur Frauen können Mütter sein. Jede noch so kleine Tochter (denmuso) trägt in sich das Potential, irgendwann eine Mutter (ba) zu werden und eine zentrale Stellung im sozialen Gefüge einzunehmen. Das biologische Geschlecht darf also nicht dazu führen, dass Frauen per se eine untergeordnete Rolle zu spielen hätten. Diese Tatsache muss m.E. bei den Überlegungen zur Gleichstellung von Frauen und den Rechten, die ihnen zu stehen, noch stärker berücksichtigt werden - und zwar in den Texten und vor allem in der Praxis des alltäglichen Lebens. 

Unser Partner

Schule in Sabalibougou

SPENDENFORMULAR

Spendenkonto

Spar- und Kreditbank Witten

IBAN: DE86452604750009110900
BIC: GENODEM1BFG

Zweck: Meier - Mali