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Die Bartrasur und die Suche nach dem ganz normalen Missionar

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Bei der letzten Bartrasur sah ich im Spiegel einen weißbärtigen Mann und dachte mir: Da hast Du mit Deinem Leben schon ein paar Runden für gebraucht, um so weit zu kommen. Ein rein chronologischer Fakt. Und ein wenig philosophisch: Wer das Leben intensiv gestaltet, der wird auch von ihm gezeichnet. Das Leben ist formgebend, und je intensiver Du lebst, umso tiefer werden die Falten Deines Profils. So ist das. Das ist völlig normal. Zum Glück sind wir seit vielen Jahren in einer Kultur unterwegs, wo Alter und Erfahrung, Falten und weiße Haare geschätzt und respektiert werden. Das war nicht gerade schlecht für das Selbstbewusstsein. In der aktuellen Entwicklung in Deutschland stürzen sich Soziologen und Unternehmer auf die Jugend der Generation Z, die es für die Zukunft zu gewinnen gilt, noch mehr, an die es sich anzupassen gilt. Artikel, Analysen, Umfragen, die sich mit der Generation Z beschäftigen, schießen wie Kraut aus dem Boden. Dabei wird dem westlichen Denken innewohnenden Drang n

Den Sinn des Leides mitten im Leben entdecken

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Es war ein Wagnis, und es war eine gute Erfahrung. Am 3. Februar war ich von unserer Partnergemeinde in Medenbach eingeladen, ein Seminar zum Thema Leid zu gestalten. Von 10 bis 15 Uhr haben wir zusammengesessen. Seit der Demenzdiagnose von meiner Frau hat mich das Thema existentiell beschäftigt. Im Laufe der Zeit sind Gedanken, Erkenntnisse in Kopf und Herz gereift. Lange Zeit habe ich nicht den Mut gehabt, darüber öffentlich zu reden. Die Emotionen ließen es nicht zu. Der Kopf war noch nicht frei genug. Die Frage nach dem Warum stand nie im Vordergrund. Ich wollte vielmehr wissen, wie ich Leid in einen größeren Zusammenhang einordnen und als Betroffener den Sinn des Leids mitten im Leben entdecken und damit umgehen kann. Ich wollte, dass das Leben weitergeht und die Erinnerung an schöne Zeiten nicht verblasst. Den Wert des Leids erfassen lernen und mich mit dem Leiden versöhnen, das wolle ich lernen. Ich machte mich auf Spurensuche in der Bibel und Theologie und in den Erfahrungswel

Das Geburtstagskind und der Rassismus

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... ein philosophiegeschichtlicher Einschub aus aktuellem Anlass. Glückwunsch - es ist bemerkenswert, dass sich Denker auf der ganzen Welt noch immer auf einen Mann berufen, der im 18. Jahrhundert philosophisch gearbeitet und Generationen nach ihm nachhaltig beeinflusst hat. Die Rede ist von Immanuel Kant (1724-1804), dem großen Philosophen aus Königsberg (heute Kaliningrad). Im Zuge der Rassismus-Debatte der letzten Jahre ist in zahlreichen Beiträgen, Foren und Konferenzen immer wieder die Frage gestellt worden: War Kant ein Rassist? Müssen wir ihn, den großen Kant, vom Sockel holen? - Manche sagen, seine Äußerungen zu den Rassen seien persönliche, vorkritische Bemerkungen gewesen, Randnotizen, und hätten nichts mit seiner eigentlichen Philosophie zu tun. Manfred Geier, Germanist und Kantkenner vertritt diese These. Andere hinterfragen dies und sind der Meinung, dass man bei einem Philosophen persönliche Meinung und philosophisches Konzept nicht voneinander trennen kann. Eine ziemlich

Koloniale Geister besiegen - 1. Der Kulturkampf und die alten weißen Männer

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Die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit ist in unserer Gesellschaft angekommen. Dort sind seriöse Analysten und "kämpferische Frontenkrieger" gleichermaßen am Werk. Missionare beschäftigt die koloniale Vergangenheit schon sehr lange, nicht erst seit dem, angestoßen durch die aktuelle Rassismus-Debatte, auch die koloniale Vergangenheit neu in den Blick kommt. Die Redakteure von Move, dem Magazin der Allianz-Mission, haben dieses Thema aufgegriffen und im Anschluss an einen von mir verfassten Artikel mit dem Titel „ Koloniale Geister besiegen“ ein paar Fragen gestellt, auf die ich gerne eingehe.  Simon D., (Allianz-Mission): Alfred, Du und ich, wir sind "alte weiße Männer". Damit sind wir in vielerlei Hinsicht privilegiert ... Alfred: Danke für das Kompliment, aber da muss ich mal kurz einhaken. Zunächst ist es eine ganz simple demografische Tatsache, dass die Bevölkerung in Europa altert und die Gesellschaften des globalen Südens im Durchs

Koloniale Geister besiegen - 2. Von Privilegien und Verzicht

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Simon D. (AM): Alfred, wann ist Dir zum ersten Mal bewusst geworden, dass du als Missionar aus dem Westen privilegiert bist?  Alfred: Privilegiert bin ich im positiven Sinne. So richtig bewusst geworden ist mir das im Rahmen der Reflexionen zu meiner Doktorarbeit mit dem Titel "Freiheit zum Verzicht", Ende der 1990er Jahre. Ich bin als Missionar aus Deutschland ein privilegierter Outsider und jemand der die Freiheit hat, verantwortlich mit Privilegien umzugehen und, wenn erforderlich, auf sie zu verzichten. Ich bin Mitglied einer Organisation, die mich umsorgt, die sich um die Schulbildung meiner Kinder kümmert und mich in medizinischen Notfällen rausholt.  Simon D. (AM): Kannst Du konkrete Beispiele nennen, wo Ihr als Familie auf Privilegien verzichtet habt? Alfred: Lass mich überlegen. Ich erinnere mich an die Zeit der Schwangerschaft unserer beiden jüngsten Kinder. Wir haben darauf verzichtet, zur Entbindung nach Deutschland zu fliegen, sondern haben uns dem mali

Koloniale Geister besiegen - 3. Von Kunstschätzen und Gesten der Wiedergutmachung

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Simon D. (AM): Kolonialismus taucht heute oft in den Nachrichten auf, wenn es um geraubte Kunstschätze, verschleppte und versklavte Vorfahren oder zerstörte indigene Kulturen geht. Aber konkret für diejenigen, die das nicht so genau einordnen können: Über welche Zeit und welche Länder reden wir? Alfred: Seit Beginn des europäischen Kolonialismus im 16. Jahrhundert ist es zu Raubzügen gekommen, wo wertvolle Gegenstände, darunter Kultgegenstände,  geraubt und außer Landes gebracht wurden, z.B. aus Mexiko und anderen südamerikanischen Staaten. Dabei haben Westler die Profanisierung heiliger Stätten in Kauf genommen. Im afrikanischen Kontext sind die Bronzestatuen aus Benin zum Symbol  kolonialistischer Strafexpeditionen geworden. Das war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in der Hochzeit des imperialen Kolonialismus. Im Naturhistorischen Museum in Nürnberg z.B. lagern ca. 3.000 Südsee-Exponate - Masken, Boote, Köpfe und Figuren. Sie wurden von deutschen Kolonialtruppen im Ra

Koloniale Geister besiegen - 4. Auswirkungen des Kolonialismus in Mali

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Simon D. (AM): Ihr seid vor 36 Jahren als Missionare nach Mali gegangen und seid bis heute von Deutschland aus für Mali aktiv. Wo habt ihr die Auswirkungen des französischen Kolonialismus in Mali erlebt? Alfred: Ganz neutral formuliert funktioniert die malische Verwaltung nach den Prinzipien der in der Zeit der französischen Besatzung eingeführten Mechanismen. Als wir nach Mali kamen, dienten die alten Kolonialgebäude der Franzosen als Verwaltungsgebäude des unabhängigen Malis. Der malische Präsident residiert im alten französischen Gouverneurspalast in Koulouba, einem Hügel nahe der Hauptstadt Bamako. Konkret hat z.B. die in Satzung gegossenen Rechtsprechung einen höheren Stellenwert als die traditionelle Gesetzgebung oder Schlichtungsbeschlüsse in den Regionen in Bezug auf Familienrecht oder Grundstücksangelegenheiten. Das Schulsystem ist eine Errungenschaft der Kolonialzeit. Das ganze Wirtschaftssystem funktioniert in den Kategorien der ehemaligen Kolonialherren. Die

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