Mittwoch, 1. Februar 2017

Buch | Mali oder das Ringen um Würde


Charlotte Wiedemann. 2014. Mali oder das Ringen um Würde - Meine Reisen in einem verwundeten Land. Bonn: bpb, 303 Seiten

Journalisten haben einen geübten Blick und sind in der Lage, in relativ kurzer Zeit, tiefe repräsentative Einblicke in eine gesellschaftliche Situation zu gewähren. Charlotte Wiedemann ist freie Autorin für renommierte Magazine und Zeitungen und profunde Kennerin der islamischen Welt. Sie studierte Politologie und Soziologie und kennt Mali aufgrund ihrer verschiedenen Reisen im Land sehr gut. Ihr ist mit ihrem im Verlag der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen Buch ein Reisebericht gelungen, der die Zusammenhänge des Lebens ...

in Mali auf hervorragende Art und Weise darstellt. Das Geheimnis der realistischen Einblicke ist, dass ihre Beobachtungen nicht auf Distanz geschehen. Sie wird auf ihren verschiedenen Reisen begleitet von Maliern, bei denen sie nachfragt und sich rückversichert.
Sie fährt in Taxen und Bussen durchs Land und bekommt so ein wirkliches Gefühl für Mali, die Landschaft, die Herausforderungen und die Menschen, deren Kampf um Würde sie beschreibt.
Mali hat zzt. mit erheblichen Problemen zu kämpfen, sie sowohl fremd- als auch selbstverschuldet sind. Wiedemann gelingt es, die die Gesellschaft prägendsten Phänomene zu beleuchten. Dabei stellt sich heraus, dass nur ein vertieftes Verständnis der malischen Tradition hilft, die aktuellen Zusammenhänge zu verstehen. Der diachronische und synchronische Blick sind also gleichermaßen notwendig, um dem Verständnis für Malis Entwicklung gerecht zu werden. Charlotte Wiedemann beleuchtet das Leben auf dem Land im hohen Norden ebenso wie das urbane Gewusel in der malischen Hauptstadt. Sie deckt die Fassaden der malischen Demokratie auf und erlaubt Einblicke in die präkoloniale Verwaltung von Land und in das durchaus vorhandene traditionelle Demokratieverständnis. Themen wie Schulbildung, Weltwirtschaftsordnung, Migrationsproblematik, politische Konflikte im Norden und religiöse Prägungen werden aus der Mitte der Gesellschaft heraus und immer unter der Berücksichtigung des malischen Blickwinkels beschrieben und interpretiert. Dabei wird deutlich, dass der Kampf um die Würde der Malier, die Wiederbelebung traditioneller Werte und die gleichzeitige Assimilierung der globalen Moderne nur von den Maliern selber gekämpft, gestaltet und gewonnen werden kann.
Wir haben als Menschen, die schon weit über 20 Jahre mit Mali zu tun haben, noch einige Details aus den Reiseberichten Wiedemanns gelernt.
Wiedemann begegnet den Malier und ihrer Situation auf Augenhöhe und mit viel Respekt. Dieses spannende und leicht zu lesende Buch ist allen zu empfehlen, die einen tiefgründigen Blick für Malis Schicksal gewinnen wollen, ein Blick, der über Folklore und die Sichtweise westlicher Medien hinausgeht.