Donnerstag, 26. Mai 2016

Von der Alternativlosigkeit der Veränderung

Veränderung ist alternativlos. In diesem Fall ist das schon in die Jahre gekommene merkelsche Unwort angebracht. Veränderung geschieht, automatisch oder gesteuert, gewollt oder auch nicht. Das ist der Lauf der Zeit – und laut John F. Kennedy ist change the law of life.
Die Sehnsucht schreit: Wann wird es anders, besser? Wann kommt das Neue? Veränderer schreien. Gegen den Status Quo, gegen die dicke feuchte Luft und gegen den Stau in grauen Wolken. Das Gewitter ist unsere Rettung. Wer das Gewitter hasst, der wird wider allen Willen vom Grollen des Donners überrollt und trotzdem nass. Wetter haben wir immer, langweilig. Ein Unwetter, ein gelegentliches zumindest, klärt abwechslungsreich die Verhältnisse, aufregend. Es schickt neuen Wind für den neuen Kurs. Wind of Change. Hisst die Segel und kappt die Taue. Wer den Status Quo für einen Segen hält, wird das Neue als einen Fluch erleben.
Alternativlose Veränderung, alles ändert sich, wir und die, Gesellschaften und Organisationen, ob wir es wollen oder nicht.

Doch in welche Richtung und wie?

Ich entdecke zwei Formen, zwei Mentalitäten und zwei Strategien, die Veränderungsprozessen zugrunde liegen und sie beeinflussen. In diesem Rahmen wird rotiert und das neue ausprobiert.



Die zwei Formen heißen Reformation und Transformation.
Die zwei Mentalitäten sind die des Managers und die des Rebellen.
Die zwei Strategien nenne ich Evolution und Revolution.

Reformation und Transformation – die Formen der Veränderung


Es sind keine Formen, die sich gegenseitig ausschließen. Es gibt Zeiten, da genügt die Reformation und andere Zeiten, wo die Transformation als die geeignetere Form der Veränderung erscheint. Manchmal mischen sie sich auch. Dann wird reformatorisch transformiert und transformatorisch reformiert. 


Reformationen orientieren sich an der Quelle, dem Ursprung. Ad fontes war das Credo der großen protestantischen und humanistischen Reformation im 16. Jahrhundert. Die Quellen neu studieren, die philosophischen und die biblischen. Es galt, die ursprünglichen Visionen neu zu sehen. Die richtigen Fragen, provokante Fragen stellen, die die Zufriedenen aufrütteln und den Status Quo ins Wanken bringen. Gegen Hexenwahn und Scheiterhaufen, einfach da stehen, aufrecht, das Gewissen reden lassen, gegen verstaubte Theologie und verkrustete Formen, gegen Kaiser und Vorstand, gegen Klerus und Opportunisten. Reformation geschieht nicht um ihrer selbst willen, sondern aus dem Bewusstsein, dass die Dynamik der ersten Stunde und die Frische der ersten Konturen verloren gegangen sind. Reformer wollen nicht revolutionieren, sie wollen keinen Umsturz. Reformieren heißt, die alten Visionen erneuern, sie wieder herstellen, dabei möglichst überzeugen und die bewährten Formen beibehalten. Luther hat die Gnade nicht erfunden, sondern sie nur neu entdeckt. Er hat die biblischen Schriften nicht überarbeitet, sondern sie lediglich dahin gerückt, wo sie von Anfang an hin gehörten – in die Mitte und über alles.
Reformer in Firmen und Organisationen entdecken die ursprüngliche Vision neu und bringen sie ins Gespräch, ohne das Organigramm selber zu verändern. Es wird re-dynamisiert, ein wenig angepasst. Aber rein äußerlich läuft der Laden im Grunde wie bisher.

Transformation
geht weiter. Sie geht tiefer. Transformation verändert Paradigmen. Sie verwandelt und schafft einen neuen Sinn. Sie sieht nicht nur das alte Bild, sie schafft einen neuen Blick und ein neues Bild. DIe äußere Erscheinung und Funktionen verändert sich. Sie werden umgeändert und umgeformt. Neue Rahmenbedingungen entstehen und Intentionen werden präzisiert. 
Transformatoren verwandeln, sie formen um. Sie haben eine andere Perspektive für das Alte, die Quellen und geben ihnen eine neue Form, damit sie sich sinngemäßer und in einer anderen Zeit relevanter entfalten können. Neue Rhythmen für neue Tänze mit neuen Instrumenten oder auch alten. So kommt die Philsophie der Destruktion genauso zum Zuge wie die Restauration des mönchischen Ideals. Zuweilen ist die grundlegende Veränderung notwendig, oder der Wandel des Systems. Die Inhalte sind die gleichen, doch sie werden anders angeordnet. Und so entsteht ein neues Gemälde aus alten Farben.
Die konstantinische Kirchenstruktur, gehauen in hohe Kathedralen aus Stein und Glas, aufgebaut auf zentraler Macht, auf den Einfluss des Klerus und eine starke von oben manipulierte und gesteuerte Einmischung in Gesellschaft, Kultur und Politik, das war ein System, was bis zum Ende des 18. Jh. galt. Es durchlief die Strukturen des Römischen Reiches Deutscher Nation, es schuf ein christlichen Abendland und gipfelte im Absolutismus. Danach entstand ein anderes System. Der Klerus blieb und auch die Kirche. Aber das System wandelte sich. Es kam zur Transformation. Aus Staat und Kirche wurde eine Kirche unter dem Staat. Das Zeitalter der Säkularisierung begann. 
Es blieb der Mensch. Aber auch sein Selbstbewusstsein änderte sich und wurde transformiert. Aus dem von Kirche und „denen da Oben“ bevormundeten Menschen wurde dank des Rationalismus der Aufklärung ein autonom denkender Mensch, der sich plötzlich das Recht nahm, selber zu entscheiden, was Sinn macht und vernünftig ist.
Einige Entwürfe der postmodernen Theologie beanspruchen für sich, transformatorisch zu sein. Nun ist es nicht der Anspruch, der den Lauf der Dinge verändert, sondern die Taten und die Resultate. Erich Fromm erklärt folglich richtig: „Ich bin, weil ich etwas bewirke!“ Ob alles was transformatorisch genannt wird auch Sinn gemacht hat, werden wir laut Hegel erst am Ende gewahr.
Der Blick auf das Wesen der Gemeinde, der Kirche hat sich verändert. Ekklesia wird neu definiert, und die Kirche erhält einen neuen Sinn. Sie ist nicht mehr herrschend, sich abgrenzend und konservativ. Nicht mehr nur attraktional, sondern missional. Das Apostolische wird neu erklärt. Nicht mehr der Klerus und die Dominanz der Konzile stehen im Vordergrund, sondern die apostolische Bewegung an der Basis, die dynamisch Gesellschaft und Kultur durchdringt. Die, die einfach Christen sind, machen ihren Anspruch geltend und reden mit. Sie bewegen sich, in der Kirche und parallel zu ihr auf neuen Ebenen und auf eine andere Art. Doch weil die Masse der Wahrheiten verunsichernd und desorientierend wirkt, schließt man sich zusammen. Abgesichert auftreten, gemeinsam handeln. Postmoderne Menschen klinken sich ein in den Prozess und warten nicht darauf, dass ein Geistesblitz oder eine Order von oben kommt. Nicht einige wenige sollen entscheiden, es ist das Gemeinsame, das Kollektiv, was neue Bedeutung gewinnt. Der neue Sinn verliert sich hier nicht in Thesen und hyperqualifizierten Artikeln und abgehobener Sprache. Der Sinn steckt in Geschichten, die jeder versteht und die das Transformierte greifbar machen. Die induktive Empirie dominiert die rationale Deduktion. Der neue Sinn schafft neue Formen – emergente, provokante, bizarre, de-strukturierend konstruktive, umstrittene, liminal grenzwertige, unvollendete – Formen, die heute zum letzten Schrei und Morgen schon wieder aufs Abstellgleis gehören.

Transformation in der Theologie. Was bedeutet das?

Vinay Samuel erklärt es so: „Transformation ist die Ermöglichung, dass Gottes Vision in allen Beziehungen, sozialen, wirtschaftlichen und geistlichen verwirklicht wird, dass Gottes Wille in der menschlichen Gesellschaft widergespiegelt wird und seine Liebe durch alle Gesellschaften erfahren wird, besonders von den Armen.“
Und ergänzend:

  • Transformation ist kontextrelevant. Sie beobachtet. Sie ist empirisch. Sie analysiert den Kontext und entwirft Handlungstheorien, die nicht allgemeine Grundsätze (deduktiv), sondern relevante Konkretionen enthalten (induktiv). Der Text gehört in den Kontext.
  • Transformation arbeitet interdisziplinär. Verschiedene wissenschaftlicher Methoden, die helfen Transformationsprozesse zu analysieren und zu gestalten, werden einbezogen (u.a. Anthropologie, Soziologie u.a.)
  • Transformation schärft die holistisch-integrale Perspektive. Alle Lebensbereiche stehen gleichwertig nebeneinander und werden in geistliche und soziale Veränderungsprozesse einbezogen. Evangelium verändert Kultur
  • Transformation basiert auf prozessorientierter Veränderung. Von der Entstehungsgeschichte eines Problems bis zur Gestaltung eines Umwandlungsprozesses (Begleitung, Einmischung) ist die Basis beteiligt.
Der Manager und der Rebell – die Mentalitäten der Veränderung

Manager, das sind die Typen, die von oben den Status Quo verwalten oder die Veränderung kontrollieren wollen. Managen ist eine Mentalität. Manager wollen selber Ideengeber sein. Es liegt in ihrer Natur, die Zügel in der Hand zu behalten. Veränderung wird geplant. Sie darf nicht chaotisch verlaufen oder von unten kommen und wenn doch, dann nur über ihren Tisch. Die Veränderung, wenn schon, dann bitte in kontrollierten Bahnen, gemäß den Visionen, die von den Häuptlingen vorgegeben sind. Manager erteilen das Wort und haben das letzte. Wenn sie klug sind, schaffen sie Räume. Denn sie sind nicht die einzigen, die gute Ideen haben. Ihre Position macht sie nicht fehlerfrei. Sie müssen es lernen, sich Autorität zu erwerben, und nicht autoritär die Kompetenzen einzuklagen. Da gibt es auch andere motivierte Leute die fragen, die konstruieren und die ihre Energie für die gemeinsame Sache investieren. Aber Manager tun sich schwer, Räume zu akzeptieren, die sie nicht vorgegeben und selber eingezäunt haben. Sie sind die Hüter des Formalen und kriegen die Krise, wenn die Querschießer kommen. 

Unternehmer sind Spezialisten des Managements. Das ist verständlich. Ihnen gehört der Laden. Sie haben das Recht vorzugeben, in welche Richtung der Zug fährt. Managertypen in christlichen Organisationen haben es da schwerer. Ihnen gehört der Verein nicht. Sie haben nur ein Mandat erhalten, sind keine Fabrikbesitzer. Ein guter Manager ist kein Prinzipienreiter, sondern einer, der dafür sorgt, dass andere zum Zuge kommen. Er gibt wenig vor und fragt: Was braucht ihr? Manager mit langen Zügeln schaffen den Raum, der zum mitdenken ermutigt. So gewinnen sie Autorität. Veränderung wird nicht kontrolliert, es wird nicht über das Ja oder Nein entschieden, sondern lediglich über die Umsetzung gewacht.

Rebellen sind anders. Sie denken nicht an kontrolliere Abläufe. Wenn kein Raum da ist, dann schaffen sie einen. Rebellion ist eine Mentalität. Rebellen sind unbequem und haben keinen guten Ruf. Schade, denn sie sind wichtig. Sie sind die Propheten der scharfen Analyse. Meist stehen sie neben den Funktionären der offiziellen Struktur. Rebellen sind Teil der Basis, die sie meist besser kennen als die Manager in ihren Büros. Das verleiht ihnen zwar nicht die postenbezogene Autorität des Managers, aber dafür eine geerdete, wirklichkeitsnahe Kompetenz. Rebellen rufen hinein. Sie decken den Muff auf und wagen zu sagen: So nicht mehr – anders bitte. Rebellen stellen neue Fragen, wo die meisten mit alten Antworten zufrieden sind. Rebellen haben Charisma. Sie sind unzufrieden, denken kritisch, und handeln konstruktiv. Die Masse winkt durch und  zur Abstimmung 
hebt sie die Hand. Der Rebell erhebt seine Stimme. Unbequem. Wir hatten uns alles so schön zurechtgelegt, abstimmungsreif, beschlussfertig. Und von den hinteren Reihen kommt die kritische Frage. Es stört. Das seltsame Luftholen des Vorsitzenden und sein hochgezogener Blick verraten ihn. Ärgerlich. Der schon wieder. 
Weiter. War Gott ein Rebell? Zumindest war er unzufrieden mit der Einseitigkeit. Die Dunkelheit alleine war ihm zu dunkel. Und er sprach: Es werde Licht, und es wurde. Mein lieber Gott, alles nur Wasser!? Feuchte Einöde. Und er sprach: Es werde eine Feste. Eine Erde schaffen, Fundamente legen.
Und Gott rebelliert gegen andere, menschliche Rebellen. Er ist nicht damit einverstanden, dass Geschöpfe die Gebote des Schöpfers missachten. Die Menschen schickt er vor das Tor und lässt den Sohn, den eigenen erst sehr viel später, auf das Feld. Der Christus – der Rebell des göttlich Möglichen gegen das menschlich Unmögliche. Er soll es richten und wird dabei selber gerichtet. Sein Leben für das der Feinde und gegen den Tod.
Es gibt auch die destruktiven Rebellen. Sie nörgeln aus Prinzip. Ihnen geht es nicht um konstruktive Veränderung, sondern lediglich um das Dagegen Sein, um das ziellose Aufmischen der Zustände. 

Es gibt die exzentrischen Rebellen. Sie rebellieren um ihres eigenen Rufes willen. Sie bauen ein Podest, auf dem sie selber stehen.
Was bleibt? Rebellion ist eine Mentalität. Ohne Rebellion im Inneren und nach Außen gibt es keine Veränderung. Rebellen haben ein Credo. Es besagt: Ich sehne mich nach mehr. Ich wage den Aufstand und das unbequeme Wort. Ich glaube an die positive Kraft der Veränderung und lehne es ab, mich mit dem Vorhandenen zufrieden zu geben. 
Luther, wir kommen auf ihn zurück, war Reformator, aber auch Revolutionär und Transformator. Und er war ein Rebell, gegen kirchliche Vorgesetzte, Kardinäle und Papst, gegen scholastische Theologie und gegen die Unfreiheit des Gewissens, die die Sprache des Herzens verbietet und auf das statische Bekenntnis verweist, auf die Protokolle und auf die Satzungen. Protestanten wurden seine Anhänger genannt. Rebellen protestieren, aber nicht einfach so. Sie haben Alternativen in der Tasche, Pamphlete, Schriften und neue Ordnungen und die Bereitschaft, selber anzupacken. Und am Ende sind sie bereit, für ihre Überzeugungen zu zahlen und für ihre Unbeugsamkeit, den Preis der Verurteilung, der Verbannung, der Kündigung und den Feuertod – und das wenn möglich in dieser Reihenfolge.

Revolution und Evolution – die Strategien der Veränderung


Revolution ist radikal. In ihr entlädt sich der Stau der Frustration, der Wille zum schnellen break. Revolution stellt die Dinge auf den Kopf. Alte Riegen werden ausgetauscht und durch frische ersetzt – neue Kader geschmiedet. Sie begnügt sich nicht mit dem Protest. Der ist ihr zu punktuell, zu aktionsbetont. Der Revolution geht es um den Wandel, und den möglichst schnell und umfassend. Von oben wird sie selten initiiert. Die Revolution ist schmerzlich und unbequem für die, die an den Hebeln sitzen. Es ist die Masse der Unterprivilegierten, die sich ein Sprachrohr schafft und denen da Oben die alternativlose Veränderung um die Ohren knallt. 

Ehrliche Revolutionen beinhalten das Hören der Protagonisten auf die einfachen Menschen. Unehrliche Revolutionen nehmen die Anliegen der Basis nur scheinbar auf, um den Umsturz zu rechtfertigen und die eigene Macht zu legitimieren, so wie in George Orwells „The Animal Farm“. Am Ende regieren immer die Schweine. Die Funktionäre, die manipulieren und keinen Deut besser sind als ihre Vorgänger im gestürzten System.
Und weiter. Wer Schriften verfasst wie diese: „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“ und den Papst einen Esel nennt, der ist ein Revolutionär. Wer so redet, der provoziert den Umsturz. Er wird gejagt und für vogelfrei erklärt. Luther war nicht nur Reformator. Sein Reden und Handeln war revolutionär, auf Krawall gebürstet. Seine Thesen brachten die eigene Kirche zum Beben und eine andere hervor.
Thomas Müntzer bevorzugte die Strategie der Revolution. Zunächst war er ein Gefolgsmann Luthers, doch dann der Wandel. Die Reformation ging ihm zu langsam. Sie nahm die Bauern nicht mit. Luther warf er vor, sich einseitig mit den Fürsten verbündet zu haben. Müntzer ging seinen eigenen Weg. Mit Mistgabeln und Messern gegen die fürstlichen Armeen. Die Bewegung war logistisch im Nachteil. Und es ging schief, wie zu erwarten. Aber es war eine ehrliche Revolution. Müntzer war solidarisch und nicht machthungrig.
Unsere französischen Nachbarn sprechen von der Großen Revolution, wenn sie an den Sturm auf die Bastille im Juli des Jahres 1789 denken. Das war ein Umsturz. Gebäude stürzten und royale Machthaber von ihrem Thron. Barrikaden und Guillotinen taten ihr Übriges. Die Philosophen der Französischen Erleuchtung (époque des lumières) lieferten den theoretischen Unterbau der Revolution. Protagonisten des Bürgertums setzten sie um. Der revolutionäre Kampf richtete sich auch gegen die Kirche, gegen den Klerus, der mit den absolutistischen Herrschern gemeinsame Sache zum Unwohl des Volkes gemacht hatte. Alle in einen Sack und über Bord damit. Die Revolution war antiklerikal, nicht unbedingt atheistisch. Die zehn Jahre nach 1789 verliefen chaotisch. Es war ein Jahrzehnt des Schreckens, wo selbst die Revolutionäre auf der Strecke blieben. Erst Napoleon setzte dem Spuk ein Ende. Doch die Errungenschaften blieben – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Trennung von Kirche und Staat war nicht mehr rückgängig zu machen. Minderheiten erhielten das Recht zur freien Ausübung ihrer Religion. Priester mussten einen Eid auf die neue Verfassung ablegen. Kirchen und Klöster wurden enteignet, Kirchengebäude zerstört oder zweckentfremdet. Ein Machtkampf mit dem Papst in Rom entbrannte. Die Kirche bedauert den Verlust an Einfluss und Macht. Doch sie ist mitschuldig am Desaster. Sie hatte ihren Platz an der Seite der Menschen verlassen und es sich in Kathedralen und Palästen bequem gemacht.

Revolutionen sind manchmal nötig, wenn die Oberen den friedlichen Wandel nicht wollen, weil sie ihre Pfründe mehr lieben als das Wohl des Volkes.
Auch in Unternehmen und Organisationen braucht es zuweilen die Revolution, den Aufschrei, den Streik und die Forderung nach dem die Grundfesten erschütternden Wandel. Wer die Revolution, den radikalen und von unten angestoßenen Wandel, abfedern und die „innere Kündigung“ seiner Mitarbeiter verhindern will, der muss denen da Unten beizeiten den Raum zur Mitsprache und Mitgestaltung geben und sie am Erfolg teilhaben lassen. Wenn nicht – dann werden die Fahnen geschwungen, der Unmut artikuliert und der Aufstand geprobt.

Evolution dagegen ist die stille Veränderung. Sie nimmt sich Zeit. Sie nimmt mit, die meisten und auch die, die dagegen sind. Weisheitszähne werden gezogen, weil sie den anderen im Wege sind. Die Evolution schiebt die zur Seite, die sich gegen den evolutionären Prozess sträuben, mal schmerzlich und meist ohne dass sie es merken. Langsam, aber sicher entsteht das Neue. Die Evolution komponiert die Noten neu. Mühsame Kleinarbeit. Thesen und Antithesen. Die besseren Argumente sollen siegen, die schwächeren werden wegmutiert, auf der Suche nach dem, was sich bewähren könnte und der Mut, alten Unsinn in den Papierkorb wandern zu lassen. Am Ende entsteht ein neues Lied mit alten Noten, mit Substanzen, die es schon immer gab, aber in neuen Formen, virtuoser als zuvor. Die Geistesgeschichte, auch die Theologiegeschichte, ist meist eine Geschichte evolutionärer Prozesse. Da ist einer, der einen Gedanken äußert, der überzeugt, der Anhänger gewinnt und prozesshaft und langsam Denken und Handeln verändert und prägt. Und ein oder zwei bis fünf Generationen später erkennen wir die Welt nicht mehr wieder. Der Wandel ist real und nicht mehr rückgängig zu machen.

Zum Schluss
Wenn es zu viele Manager gibt, dann hat es die Veränderung schwer. Rebellen steigen aus und treten die Flucht an. Ist es umgekehrt, wird die Kontinuität in der Organisation darunter leiden. Der Ausgleich ist das Gerechte. Wenn Reformen innerhalb der Organisation nicht möglich sind, dann kommt es zum Protest und zur Separation. Martin Luther und Philipp J. Spener wollten die Kirche von innen heraus reformieren und neue Impulse setzen. Das ging nur zeitweise gut. Die Dynamik war zu stark, die Fliehkraft zu groß. Aus den lutherischen Hauskreisen innerhalb der Kirche wurde eine außerkirchliche Bewegung, die wir heute als Pietismus bezeichnen. Aus den in der katholischen Kirche diskutierten Thesenpapieren erwuchs eine Protestbewegung, die bald die Kreise einer alternativen Kirche zog. Im 15. und 16. Jahrhundert erwies sich der Papst als ein schlechter Manager des innerkirchlichen Reformstaus. Statt anzuklagen und zu verdammen, wäre ein umfassender Kompromiss die Lösung gewesen. Und die Lutheraner des 17. Jahrhunderts erwiesen sich als kompromissunwillige festgefahrene Hardliner ihres Ahnherrn, die dem charismatischen Aufbruch des Pietismus lediglich die kalte Schulter zeigten.
Wenn Reformen nicht greifen und der neue Blick gefragt ist, dann kommen die Transformatoren und werfen formveränderte Alternativen auf den Markt.

Und am Ende habe ich fünf Wünsche -

  • ein Umfeld wo Manager und Rebellen friedlich kooperieren und keiner den anderen des retrograden Konservatismus oder der illoyal progressiven Spinnerei beschuldigt, 
  • eine Organisation, die sich ihrer Vision stets neu bewusst wird, das Gute reformiert und das Schlechte abwirft, 
  • wo die Manager den Rebellen und Chaoten den Protest und die kritische Rückfrage ermöglichen und nicht für übel nehmen, 
  • eine Organisation, die den revolutionären Umbruch, ob er nun von innen oder von außen kommt, konstruktiv rezipiert, 
  • Leiter, die die guten Ideen aufgreifen und im Rahmen einer evolutionär prozessorientierten Transformation umwandeln und ihnen zur Umsetzung verhelfen.