Donnerstag, 12. Mai 2016

Gehört der Islam zu Deutschland? - Annäherung an eine komplizierte Frage (1)

Seit der Rede von Christian Wulf im Jahre 2010 wird der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ immer wieder positiv, kritisch ambivalent oder negativ rezipiert. Kirchen, politische Parteien, die Kanzlerin &Co. haben sich zum Thema geäußert. Auch aus islamischen Kreisen wird die These unterschiedlich bewertet. Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen vereinnahmt. Es entsteht der Eindruck, dass jeder etwas anderes mit dem Islam verbindet und zudem unterschiedliche Vorstellung vom Grad der Zugehörigkeit hat. Mal ist es der Islam als eine private religiöse Überzeugung, mal wird darunter ein politisches oder religiöses System verstanden, andere meinen ...
... damit lediglich die muslimischen Mitbürger. Der Anlass, die Fragestellung noch einmal zu reflektieren ist der jüngste Parteitagsbeschluss der „Alternative für Deutschland“, wo die Frage eindeutig negativ beantwortet und ein progressiver Anti-Islam-Kurs eingeschlagen wird, der weder dem sozialen Frieden in Deutschland noch den Christen dienlich ist.

1. Was veranlasst Menschen, diese Frage zu stellen? Was wollen sie wissen? Welche vorgefassten Meinungen stecken hinter der Frage?

Diejenigen, die die Frage positiv beantworten, meinen möglicherweise Folgendes:

Die Frage ist nur rhetorisch gemeint, d.h. …
  • LEGAL: Der von den friedlichen in Deutschland lebenden Muslimen praktizierte Islam gehört zu Deutschland, denn sie akzeptieren deutsche Gesetze.
  • RELIGIONSFREIHEIT: Der Islam gehört zu Deutschland, weil die hier legal lebenden Muslime zu Deutschland gehören. Menschen müssen in ihrer Ganzheit, d.h. auch mit ihren religiösen Überzeugungen akzeptiert werden. Es lebe die Religionsfreiheit.
  • PRIVATSACHE: Islam wird im Sinne aufklärerischen Denkens als Privatsache angesehen und so darf er selbstverständlich wie jede andere Religion auch zu Deutschland gehören.
  • POLITICAL CORRECT: Um des sozialen Friedens willen dürfen Muslime und ihre Religion nicht ausgegrenzt werden. Es lebe Toleranz und Integration.
Von den Kritikern könnten folgende negativen Intentionen vorliegen:     
  • ZWEIFELND: Dürfen Muslime ihren Glauben in Deutschland so praktizieren, wie sie das wollen? Ist das alles mit dem Rechtsstaat vereinbar?
  • POPULISTISCH: Sind Muslime in Deutschland erwünscht? Es sollte demokratisch abgestimmt werden, wer im Sinne der deutschen Leitkultur zu uns passt und wer nicht.
  • SACHLICH: Da der Islam auch politische Ziele verfolgt und keine Trennung von Religion und Staat kennt, muss diese Frage gestellt und sachlich bedacht werden.
  • ÄNGSTLICH: Wir befürchten angesichts der demographischen Entwicklung eine schleichende, schwer kontrollierbare Islamisierung. Wir haben Angst vor islamistisch motivierten Anschlägen und dass Konflikte andernorts auch nach Deutschland getragen werden.
  • FEINDBILD: Muslime und der Islam sind von ihrer Grundeinstellung her nicht kompatibel mit den Werten westlicher Gesellschaften. Sie sind Feinde des Westens und intolerant gegenüber Andersgläubigen.
2. Der Kontext der These „Der Islam gehört zu Deutschland“:

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulf hat die Frage in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit (2010) positiv beantwortet, aber auch einige Voraussetzungen angedeutet:

„Zu allererst brauchen wir aber eine klare Haltung. Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: "Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen." Wie haben es die Schüler gesagt? Wichtig ist, wohin einer will. Sie glauben daran, dass wir einen gemeinsamen Weg finden. Der gemeinsame Weg braucht dann aber auch Einigkeit über das gemeinsame Ziel.“

NOTWENDIGE PRÄZISIERUNG: 

Sollte die Fragestellung rein rhetorischer Natur sein und es als logisch und selbstverständlich erachtet werden, dass der Islam zu Deutschland gehört, dann wäre die Aussage viel zu unpräzise, um annähernd der Realität und den mit dem Begriff Islam intendierten Vorstellungen gerecht zu werden. Präziser wäre es zu sagen: „Die 4 Millionen Muslime gehören zu Deutschland“. Dies wird auch von Joachim Gauck, Wulfs Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten, so gesehen, der differenzierter formuliert. Er hält „Ein-Satz-Formulierungen“ für problematisch. Wenn Wulf einfach die Wirklichkeit in Deutschland skizzieren und den über 4 Millionen Muslimen eine Stimme geben wollte, dann hätte der Satz genügt: “Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“ Und er fügt hinzu: „Jeder, der hierhergekommen ist und nicht nur Steuern bezahlt, sondern auch gerne hier ist, auch weil er Recht und Freiheiten hat, die er dort, wo er herkommt, nicht hat, der gehört zu uns, solange er diese Grundregeln nicht negiert." Alternativ könnte formuliert werden: Die Muslime, die hier rechtens leben, gehören zu Deutschland, solange sie ihre Religion so einordnen, wie es die Verfassung vorsieht – nämlich als private Überzeugung, und in ihrem Anspruch dem Staat untergeordnet. Das hat Volker Kauder jüngst in einem Interview mit der Osnabrücker Zeitung ähnlich geäußert: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland, wohl aber die Muslime". Der Islam habe Deutschland kulturell und historisch nicht geprägt, der Islam muss in seiner Vielfältigkeit differenziert werden und es gäbe auch Tendenzen, die wir in Deutschland nicht akzeptieren können, so Kauder weiter. Die „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP)“ formuliert die Frage im Rahmen ihres Forschungsprojekts anders und genauer: „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? 

NACHGEFRAGT: 

Zu fragen wäre auch: Warum war es Wulf und allen, die ihm gefolgt sind, wichtig, den Zusammenhang bzw. die Zugehörigkeit einer Religion (Islam) zu einem Staatsgebiet (Deutschland) zu betonen? Warum äußert sich ein Politiker und Staatsrepräsentant zur Frage der Existenzberechtigung einer Religion in seinem Land? Wenn selbstverständlich von einer Trennung von Religion (private Ansicht) und Staat (öffentliche Struktur) ausgegangen wird, wären die These und der sich anschließende Hype unnötig gewesen. Warum wird gerade dem Islam so viel Aufmerksamkeit geschenkt? Es gibt m.E. eventuell zwei Gründe, die die These Wulfs rechtfertigen: 
a. Muslimen als religiöser ghettoaffiner Minderheit soll eine Stimme gegeben werden. Sie sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen. 
b. Die These präsupponiert die Gefahr eines politisch anspruchsvollen Islam. Der Islam ist mehr als eine Religion. Aber, so der Unterton der wulfschen These – der besondere Islam, also so wie er zzt. in Deutschland von der muslimischen Minderheit praktiziert wird, der (und nur der) passt zu Deutschland. Der Islam an sich, also der Dominanz beanspruchende, antisäkular orthodoxe Mainstream und die radikalen, politischen Formen des Islam, die passen allerdings nicht zu Deutschland.

Der Islam gehört zu Deutschland - und auch die einfache Behauptung des Gegenteils - diese Sätze sind viel zu plump, ermüdend, ja fast bedeutungslos. Sie bewirken zumindest nicht, dass wir ihnen verständnisvoll zustimmen würden, so wie sie gesagt wurden. Solche Sätze sagen Politiker, die etwas herbeireden wollen, was vielleicht wünschenswert wäre und was einer bestimmten Klientel gefallen könnte. Der Islam gehört zu Deutschland - ein Religionswissenschaftler oder Theologe würde den Satz so nicht formulieren, weil er zu unpräzise ist und die Komplexität der Realität nicht spiegelt. Ein Gesellschaftsanalytiker auch nicht, denn er kann nicht sehen, wo Muslime als religiöses Kollektiv oder der Islam als eine Werte transportierende Religion Deutschland als kulturelles gesellschaftlich politisches Gefüge prägen würden. 
Rassismus gehört zu Deutschland - das wäre ein Satz, der mehr Sinn machen würde. Rassismus wurde in Deutschland, zwar nicht "erfunden", doch ideologisch auf den Sockel gehoben und bis zum Exzess ausgelebt. Er ist nach wie vor latent vorhanden. 
Der Islam gehört zu Deutschland - wir denken weiter darüber nach, über den Satz, ganz einfach, weil er im Raum steht und die Gemüter erhitzt.

(Teil 2 folgt): Zugehörigkeit und kulturelle Identität