Montag, 30. Mai 2016

Unsere Welt - unser Leben

Als wir Kinder waren, war die Welt für uns bunt.
Wir nahmen sie so wie sie ist,
schüttelten jedem die Hand
und luden alle zur Party ein.
Italiener, Palästinenser,
Malier, Chinesen – was weiß ich.
Da hinten gibt es ein Stück Kuchen für dich.

Wir träumten den Regenbogen,
und alles war bunt.

Irgendwann kamen die Erwachsenen und sagten:
Zieht die Vorhänge vor,
die Zigeuner kommen.

Vor den Hippies haben sie uns gewarnt,
die mit den zotteligen Beatlesmähnen.
Vorsicht, die kiffen,

zu abgefahren ihre Visionen, 
psychedelische Unterwanderung. Halt.
Zu radikal ihre Forderungen.
Revolution liegt in der Luft:

Woodstock gegen Krückstock.

Irgendwann lernten wir die Schubladen kennen,
in die jeder jeden steckt.
Und die Etiketten, die an uns klebten,
damit jeder von jedem wusste,
wer woher kommt und wohin gehört.

Unter Arbeitskollegen gab es Chilenen und Spanier,
Türken und Griechen,
Tschechen und Jugoslawen –
wir verdienten das gleiche Geld,
tranken aus einem Becher,
brachen gemeinsam das Brot der Multikultur,
schnitten Käse aus Holland und den von Ziegen.

Wir sprachen über Religion und Politik –
Christen und Muslime,
Kommunisten und die, die nur an das Heute glaubten.
Es war bereichernd und nicht bedrohlich.

Auch "Willkommenskultur" war uns ein fremdes Wort,
ein verbales Novum.

Einfach ein Wort erfinden, 
um eine Wirklichkeit zu schaffen, 
die es so noch nicht gibt?
Wir jedenfalls kannten es nicht:
Wir brauchten es nicht.
Wir waren einfach da.
Bunte Vielfalt. 




Mit Afrikanern im gleichen Hof,
auf einer Bank, im gleichen Team,
nicht nur als Nachbarn.
Leben, wie es wirklich ist.

Und jetzt kommen die Alternativen,
die blau gebräunten, die mit den völkischen Parolen,

adlige Störche und antiquierte Gauleiter,
mit ihren Stiefeln und feschem Schritt,
die Ausradierer, die mit dem Besen,

die Vergaloppierer, die mit dem falschen Ton.
Raus mit euch – die einen schreien es,
die meisten denken es.

Aber so einfach geht das nicht.
Die bunten Tafeln könnt ihr nicht einfach übertünchen
in schwarz und weiß. 

Ihr entscheidet nicht, was gut und böse ist,
wer dazu gehört und wer nicht.
Weder die von rechts, noch die von links,
weder die braunen Kader
noch die vermummten Chaoten
und auch nicht die Sichelradikalen
mit ihrem verbogenen Halbmond,
und gleichgearteten Ansichten.

Schwarz-Weiß-Denker,
ihr seht rot, wenn ihr Farbe bekennen sollt.
Wer Schwarz-Weiß malt,
der ist ein Feind der Freiheit,
die Ansicht der Rechten,
die mit einfachen Parolen die anderen richten.
Sie sind Gegner des Lebens –
denn das Leben ist bunt.

So wie unsere Gesichter,
die Phasen unseres Lebens, wir.
Kinder wollen wir wieder sein,
wenn man uns lässt.

Den Regenbogen wollen wir wieder träumen.
Er verbindet die Welten, die Horizonte
und bleibt dabei bunt.
Ein Lebensbund, vom Schöpfer an den Himmel gemalt,
vom Vater für die Mutter Erde,
damit er Wirklichkeit werde im irdischen Rund.


Es ist spät.
Ich geh' jetzt Schlafen.
Und vielleicht träume ich,
den Traum der bunten Farben,
von uns'rer Welt, von unserem Leben.