Sonntag, 20. März 2016

Mali | lange Wege mit Menschen gehen

Wenn Menschen sich in einem vom Islam dominierten Kontext wie in Mali für ein Leben mit Jesus entscheiden, dann ist das ein riesiges Wunder – noch mehr als das unter günstigeren Umständen sowieso schon der Fall ist. In den letzten Wochen haben sich einige Menschen in unserem Beisein für die Nachfolge Jesu entschieden.

Wie kommt es zu „Bekehrungen“ und wie gehen wir vor?
Wenn Menschen zum „christlichen Glauben konvertieren“, so wie man das in der Fachsprache formuliert, dann ist das das Ergebnis eines längeren Prozesses. Am Anfang steht meist keine missionarisch aktive Gemeinde, keine besondere Methode oder Strategie und keine groß angelegte Aktion. Am Anfang stehen persönliche Kontakte, um die die Pastoren der Gemeinden wissen oder auch nicht. Es sind Christen, die oft selber noch keine lange Karriere als Christen nachweisen können, die aber motiviert sind und auf ihre Nachbarn und Freunde zugehen. Sie knüpfen Kontakte, sitzen beim Tee und Mahlzeiten zusammen und tauschen sich aus. So wird Interesse geweckt. Aber es ist nicht nur der verbale Austausch der zählt. Bei einem Bekehrungsgespräch sagte uns ein Familienvater: „Ich habe die Christen beobachtet, ...
wie sie miteinander umgehen. Und ich habe ihr Verhalten verglichen mit dem der islamischen Führer. Im Alltag stelle ich fest: Christen tun meist das, was sie sagen. Unsere Imame reden, was das Zeug hält, aber danach folgen keine Taten.“

Seit geraumer Zeit bieten wir im Dorf Sabalibougou Spielenachmittage für Kinder an und sind bei Fußballturnieren im Dorf präsent. Wir holen keine Lautsprecher heraus. Es wird kein evangelistischer Film gezeigt. Wir zählen auf Präsenz und geben den Bewohnern die Möglichkeit, uns und unseren Umgang mit den Kindern zu beobachten. Nach ein paar Wochen kam ein Jugendtrainer auf uns zu und bat uns, die Schirmherrschaft für ein Fußballmatch zu übernehmen. Er begründete seinen Vorschlag so: „Wir haben gesehen, was ihr im Dorf macht. Ihr liebt die Kinder. Deshalb möchten wir mit euch zusammen arbeiten.“ Dass dabei auch die Erwartung an materielle Unterstützung mitschwingt, ist für uns nichts Neues. Damit können wir leben und umgehen.

Was schließen wir aus solchen Aussagen? Es kommt nicht in erster Linie auf die Apologetik an, auf die Kunst also, den christlichen Glauben mit rhetorischer Eloquenz und geschliffenen Argumenten vorzustellen und zu verteidigen. Das ist eine Methode, die westlicher Natur ist und eine Frucht der Philosophie der Aufklärung darstellt. Manche Facebook-Diskussion, die wir im deutschen Kontext verfolgen zeigt uns, wie argumentativ hart und grenzwertig Christen oft miteinander und mit Nichtchristen umgehen. Da die sozialen Netzwerke eine öffentliche Plattform darstellen, wirkt sich diese apologetisch überzogene Art des Umgangs auch auf das „missionarische Zeugnis“ aus – nicht gerade positiv, versteht sich.

Im malischen Kontext stehen die Anziehungskraft der Gemeinschaft, der glaubwürdige Lebensstil, das persönliche Sorgen um die Menschen und nicht Vorträge und Argumente im Vordergrund. Das bedeutet nicht, dass Argumente und gute Predigten keine Rolle spielen – aber sie sind nicht entscheidend für die Entscheidung, ein Leben mit Jesus zu beginnen. Bei den Gesprächen mit Menschen, die sich für die Bibel und Jesus interessieren, sprechen wir dann nicht nur über das, was sie motiviert, und über das Leben als Christ, sondern auch darüber, was sie verstanden haben. Das ist wichtig, um eine Ausgewogenheit herzustellen. Denn es reicht nicht aus, Jesus nur hinterherlaufen zu wollen, weil das Leben der Christen anziehend wirkt, weil Jesus Gebete erhört und einen Arbeitsplatz aufzeigt. Es kommt auch auf Überzeugungen an, auf das Verstehen, warum Jesus in die Welt kam, wie er lebte, welche Überzeugungen er hatte und warum er letztlich am Kreuz landete und später den Tod besiegte.

Welche Rolle spielen die Gemeinden und Pastoren?
Viele Pastoren und Gemeinden machen aus meiner Sicht den Fehler, dass sie die Integration junger Christen in die Gemeinde zu stark forcieren. Eine zahlenmäßig wachsende Gemeinde, zwei Chöre, die auftreten, Komitees, die das Gemeindeleben organisieren – all diese Faktoren dominieren und dabei besteht die Gefahr, dass der individuell zu gestaltenden Integrationsprozess in den Hintergrund tritt. Jemand, der sein Christsein und damit die Ernsthaftigkeit seiner Bekehrung nicht durch die möglichst baldige Präsenz im Gottesdienst unterstreicht, dessen Bekehrung wird in Zweifel gezogen.

Die Integration in eine Gemeinschaft ist wichtig und die sichtbare Zugehörigkeit zu einer Gemeinde auch. Doch bis es dazu kommt, sind Zwischenschritte nötig – persönliche Besuche abseits der Veranstaltungen und Vertiefung des Glaubens außerhalb des offiziellen Gottesdienstes. Hierin besteht die Aufgabe von Pastoren und Gemeinden – nicht warten, bis die Neuen kommen, sondern hingehen, ermutigen und begleiten. Der Verbleib in den traditionellen Sozialstrukturen ist wichtig. Langfristig wird auch das geduldige Begleiten außerhalb gemeindlicher Strukturen dazu führen, dass die Gemeinde Jesu wächst. Wer zu schnell auf Integration drängt, wird an persönliche und methodische Grenzen stoßen und sich am Widerstand der Menschen aufreiben.

Dennoch kann auch die „Strategie des Begleitens“ es nicht verhindern, dass Betroffene persönlich angefeindet werden. Sie werden sozial isoliert und manchmal bedroht. Die Angst dreht ihre Runden.
Toleranz hat in Mali ihre Grenzen. Religions- und Meinungsfreiheit stehen auf dem Papier, in der Praxis muss sie gegen Widerstände erfochten werden. Die Gemeinde als Institution hat in Mali offenbar einen größeren Stellenwert als die zeitaufreibende Gemeinschaft mit den Menschen in ihren Familien, Dörfern und Stadtvierteln.

Als wir im Unterricht an der FATMES über die missionarischen Aufgaben des Gemeindepastors sprachen, wurde die Idee geäußert, dass sich jeder Pastor wenigstens an zwei Nachmittagen in der Woche im Stadtvierteil zeigen, Gespräche führen und Besuche in den Höfen der Nachbarschaft machen solle. An und für sich schien das eine gute Idee zu sein, aber es gab auch Vorbehalte. Einer der Studenten, selber Pastor einer Gemeinde, gab zu verstehen: „Ein angesehener Pastor läuft nicht in der Hitze am Nachmittag durchs Stadtviertel. Das schadet seinem Ruf.“ Glückwunsch sage ich da nur. Wir diskutierten über den offenen Lebensstil Jesu, dass er keine Berührungsängste hatte, egal wer ihm gerade über den Weg lief - und dass es ihm relativ egal war, ob das seinem sozialen Status schadete oder nicht. Und wir kamen zu dem Schluss: Auch Pastoren müssen dazu lernen ... und auch die Missionare, denn wir haben uns lange Zeit von quantitativen Wachstumsstrategien durchs Land treiben lassen, um "etwas vorzeigen" zu können.

Damit Mali noch intensiver mit dem Evangelium erreicht werden kann, bedarf es ein Umdenken in der Strategie und im persönlichen Verhalten der Leiter. Wenn sie nicht mit gutem Beispiel voran gehen, wird sich wenig ändern und das Christentum als Bewegung wird stagnieren. Es bedarf einer größeren Lernbereitschaft, von Jesus zu lernen und den Pastorenstatus hinten an zu stellen. Es bedarf auch der Einsicht, dass nicht jede Strategie überall die gleichen Erfolge zeitigt. Ein hochislamisierter Kontext, wie das in den meisten Landessteilen Malis der Fall ist, bedarf einer anderen Strategie, einer Strategie die sich langsam und zielsicher einen Weg durch die kulturellen vom Islam geprägten Unwegsamkeiten bahnt - hin zu den Menschen. Dass das Reich Gottes nahe kommt und Jesus bei den Menschen ankommen kann, das ist bedeutsam, nicht dass möglichst schnell eine strukturierte Kirche entsteht.
Kirche mit Reich Gottes gleich zu stellen erweist sich aus theologischer und praktischer Sicht als fatal. Wir hoffen, in der theologischen Ausbildung auf einen Kurswechsel hinwirken zu können. In der traditionellen Kirchenlandschaft Malis wird jedoch auch "dieser Weg kein leichter sein".
Und es bedarf vieler intensiver Gebete, in die wir euch alle miteinbeziehen wollen. Wir können uns mit dem Status quo des Nullwachstums um Jesu willen nicht zufrieden geben. Die Christen sind in der Minderheit, das ist richtig, aber ihr laues Zeugnis in der Öffentlichkeit und die mangelnde Bereitschaft, neue Wege zu gehen, können damit nicht entschuldigt werden.