vendredi 20 novembre 2015

Bamako | die Angst gehört dazu, aber sie bestimmt uns nicht

Quelle: RFI Afrique
Die versuchte Geiselnahme in einem Luxushotel der malischen Hauptstadt Bamako ist zu Ende. Aber nicht einfach so. Am Ende dieses Tages zählen wir 20 Tote oder mehr. Dazu gehören Hotelpersonal, Geiselnehmer und Hotelgäste. Vor der Befreiung durch malische und internationale Spezialeinheiten waren ca. 180 Menschen der Willkür der Terroristen ausgesetzt. Islamisten haben sich mittlerweile zu der Aktion bekannt. 
Ob es sich hier um Ableger des Islamischen Staates handelt oder um in Westafrika seit längerem agierende Terrorzellen, das ist noch nicht klar. Zwei Gruppen haben sich bisher offen zum Anschlag bekannt. Die eine nennt sich Al-Mourabitoun, eine im Norden Malis ansässig Rebellengruppe und zum anderen die Front de Libération du Macina, deren Anführer ein radikaler Imam aus Mali ist. Wer sich mit wem verbündet hat, darüber kann nur spekuliert werden. Letztlich dienen die Anschläge der gemeinsamen Sache. Islamisten weltweit werden sich wieder ins Fäustchen lachen und die Meinung vertreten, ihrer Sache sei ein Dienst erwiesen worden. Die genauen Motive der Täter sind noch unklar. In Bamako sollte in diesen Tagen eine Konferenz der Frankophonie stattfinden. Im Hotel befanden sich europäische und asiatische Geschäftsleute, Techniker, Abgesandte des europäischen Parlaments und Beschäftige von Fluggesellschaften. Der Anschlag trägt auf alle Fälle eine antiwestliche Handschrift - typisch für einen radikal salafistischen Hintergrund der Täter.
Gestern hatte es eine Solidaritätskundgebung für die Opfer der Attentate von Paris gegeben. Und heute gibt es schon wieder Opfer islamistischen Terrors. Dazu passt, dass ein namhafter Anführer der Rebellengruppen vor einigen Tagen seinen Rücktritt vom Friedensprozess angekündigt und zu einer weiteren Radikalisierung seiner Bewegung und zu Anschlägen gegen französische Einrichtungen aufgerufen hatte. Neben der lokalen Dimension der Ereignisse spielen möglicherweise auch die Vorkommnisse in Paris und die Europa weiten Terrorwarnungen eine Rolle. Weltweit Terror und Angst zu verbreiten ist an der Tagesordnung. Der malische Präsident war zzt. des Anschlags im benachbarten Ausland unterwegs und spricht in einer ersten Stellungnahme von „besorgniserregenden Umständen“ in Bamako. Es ist nicht klar, ob die Sicherheitskräfte alle Terroristen neutralisieren konnten, oder ob sich noch der ein oder andere im Hotel verschanzt oder die Flucht ergriffen hat. Die Staatsanwaltschaft mutmaßt, dass es Komplizen gegeben habe. All das ist nicht beruhigend.

In Mali weiß man längst, dass die im Namen Allahs und des Islam verübten Attentate dem Ruf der Religion schaden. Natürlich ist es wichtig, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden und auch zwischen Muslimen und radikalen Jihadisten, die nur ihre Lesart des Koran gelten lassen. In Mali sieht man dennoch die Muslime in der Pflicht, sich von den Gewalttaten ihrer „Glaubensbrüder“ zu distanzieren und zwar durch konkrete Taten. Wer sagt, isalmistischer Terror hätte nichts mit dem Islam zu tun, der entbindet die moderaten Muslime von ihrer Pflicht, die Situation entschärfende Maßnahmen zu ergreifen. Verbale Distanzierungen reichen nicht aus.
Weltweit werden die terroristischen Attacken der Islamisten verurteilt, ebenso von den meisten politischen Parteien in Mali und den Unterzeichnern des Friedensabkommens im Juni. Bezeichnend ist, dass bei der Durchsicht der Presseerklärungen und Berichte bisher keine offizielle Stellungnahme des Bedauerns seitens der malischen Islamverbände zu lesen ist.
Lediglich der ägyptische Imam der großen sunnitischen Moschee Al-Azhar erklärte in einer auch in der malischen Presse veröffentlichten Erklärung: "Der Terrorismus hat keine Religion. Es sei daher ungerecht, die kriminellen Anschläge, Explosionen und Zerstörungen mit dem Islam in Verbindung zu bringen, nur weil die Attentäter Allah-uh Akbar rufen". 
So lange es den Muslimen selber jedoch nicht gelingt, den Extremismus von Al-Qaida und IS in den Griff zu bekommen und die Hassprediger aus den Moscheen abzuziehen, so lange werden solche Erklärungen reine Theorie bleiben. 


Der Islamismus hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun. Beide Aspekte sind voneinander zu unterscheiden, aber sie gänzlich voneinander trennen kann man aus historischen und theologischen Gründen nicht. Der heutige radikalpolitische Islam ist eng verbunden mit der radikalen Koranauslegung der Wahabiten, die schon im 18. Jahrhundert eine gewaltsame Missionierung und Reinigung des Islam befürworteten. Wir sollten also nie vergessen, dass sich der islamistische Terror vor allem auch gegen die Muslime richtet, die den Koran weniger radikal auslegen. Die Zerstörung muslimischer Mausoleen im Norden Malis und die Anwendung der Scharia bei populärislamisch geprägten Menschen beweist diese Tendenz.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam eine antiwestliche Haltung hinzu, als Reaktion auf den kolonialen Imperialismus. Radikaler Sunnismus und gewaltbereiter Salafismus bilden auch heute den Nährboden für agressive Missionsversuche und Terrorismus gegen westliche Einrichtungen und Bürger. 
Mit anderen Worten sind die folgenden Ursachen mit verantwortlich für die aktuelle Entwicklung:  
  • die radikale Auslegung des Islam seitens der Sunniten (u.a. radikaler, gewaltbereiter Jihad)
  • die Vision eines umfassenden Kalifats und konsequente Anwendung der Scharia (als Ausdruck innerislamischen Reinigungsprozesse und Antwort auf westliche Dekadenz)
  • die islamistische Reaktion auf die provokative westliche Politik im 20. und 21. Jahrhundert (Kolonialismus in Nordafrika und im Nahen Osten, Krieg und zweifelhafte Demokratisierungsversuche wie z.B. in Afghanistan und im Irak, wirtschaftlicher Druck usw.) 
Der innerislamische Reinigungsprozess hat längst internationale Züge angenommen. Ungläubige, gegen die es vorzugehen gilt, sind aber nicht nur Gegner eines radikalen Sunnismus innerhalb des Islam, sondern auch Nichtmuslime. Da wo die Scharia angewandt wird, gibt es letztlich keine Existenzberechtigung mehr, weder für Christen noch für freiheitlich denkende Menschen in demokratischen Gesellschaften. Da, wo die Scharia und der Prophet Mohammed nicht als der "letzte Prophet" anerkannt werden, muss seitens der radikalen Salafisten mit dem Schlimmsten gerechnet werden. 
Natürlich gibt es die Möglichkeit die Koranverse, die zur Gewalt gegen Ungläubige aufrufen, unter Berücksichtigung ihres historischen Kontextes anders auszulegen. Aber dafür wäre es nötig, eine historisch-kritische Exegese des Koran seitens der Islamgelehrten zu befürworten und zu praktizieren. 

Wie hat die Kirche auf kriminelle Handlungen im Namen ihrer Religion reagiert?
Auch in der Geschichte der Kirche gibt es ziemlich dunkle Flecken.

  • Karl der Große (8./9. Jh.) z.B. hat die Sachsen unter Berufung auf den römischen Katholizismus "zwangsbekehrt" - und wer nicht spurte, wurde umgebracht. 
  • Die Kreuzzüge (11./12. Jh.) wurden als christliche Pilgerfahrt zur Erlangung des Totalablasses und als Antwort auf die angebliche islamische Aggression im Heiligen Land begründet.
  • Die spanische Mission in Lateinamerika (ab 16. Jh.) wurde im Namen einer überlegenen christlichen Religion durchgeführt, die Gewalt, Zwangsbekehrungen und Vernichtung der Heiden rechtfertigte. 
  • Die christlichen Buren (ab 17. Jh.) haben mit einer bestimmten Auslegung der Geschichte Israels (Josua und der Kampf gegen die Kanaaniter z.B.) ihr gewaltsames Vorgehen in Südafrika begründet. 

Zu behaupten, das hätte nichts mit dem Christentum und der Bibel zu tun, würden Historiker und verantwortlich denkende Christen nicht akzeptieren. Was uns geholfen hat, aus der historischen Falle und der falschen Auslegung der Bibel herauszukommen, war die Besinnung auf die Tugenden der Vergebung und Selbstkritik (u.a. die kritische Infragestellung der kirchlichen Oberhoheit durch die humanistische Philosophie), das korrigierende Vorbild Jesu (radikale Rückbesinnung auf das Evangelium) und eine kontextbezogene historisch-kritische Exegese der Heiligen Schriften. Dieser Dreischritt von Tugend, Besinnung auf das Vorbild des Begründers der Bewegung und eine differenzierte verantwortliche Auslegung der Heiligen Schrift war ein hilfreiches Korrektiv. Dazu sind die Muslime (bisher) nicht in der Lage oder willens.

Fest steht: Wenn die Terrorakte wirklich nichts mit dem Islam zu tun haben, dann müssten Journalisten verbal abrüsten und dürften nicht mehr von "islamistischen Attacken" reden. Das tun sie nicht - zu Recht. Denn, so sagte ein versierter malischer Islamkenner und Pastor: "Nicht alle Muslime sind Terroristen, doch die Terroristen, die sich weltweit zu den meisten Attacken und Greueltaten bekannt haben sind Muslime, so auch die, die letztens in Bamako zugeschlagen haben." Weiter führt er aus: "Die Terrorakte sind für die Islamisten Ausdruck ihres Jihad und damit Bestandteil ihrer Religion. Es ist zugegebenermaßen eine extremistische und nicht von allen Muslimen geteilte Auslegung des Koran, auf die sie sich stützen - doch zu behaupten, das Ganze wäre lediglich Terror, der nichts mit Koran und dem Islam zu tun hätte, ist Augenwischerei und theoretisches Geplänkel. Wenn Leute ein Hotel stürmen und Allah-uh Akbar rufen, dann ist klar, dass sie ihre Taten im Namen ihrer Religion und ihres Gottes ausüben." 
Die Auswirkungen der Schrecken und Angst verbreitenden terroristischen Aktionen sind schon jetzt im öffentlichen Leben sichtbar - verstärkte Verschleierung der Frauen, Zunahme der Koranschüler, Korankurse für Erwachsene und volle Moscheen. Das alles geschieht weniger aus innerer Überzeugung, sondern aus Angst. Die Leute sagen sich: "Wenn ich in die Hände von Islamisten gerate, dann sollen sie wenigstens denken, dass ich ein ernsthafter Muslim bin." Einige auswendig gelernte Koranverse und die korrekte Wiedergabe des islamischen Glaubensbekenntnisses können möglicherweise lebensrettend sein. (Schahada: "Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist." [arab. aschhadu an la-ilaha-ill-allah wa aschhadu anna muhammadan rasulullah]). Es liegt auf der Hand: der terroristische Jihad fördert die Dawa (Missionierung und Reinigung des Islam nach Innen).
Hinzu kommen neben der verbalen Apologetik islamischer Postionen (in Medien, öffentliche Predigten) auch andere wahabitische Missionsstrategien hinzu. Islamische Mission baut auf Geld und auf moralischen und auch von Gewalt begleitete Repressalien in der Öffentlichkeit. So verriet uns ein malischer Islamkenner: "Wahabitische Imame setzen Prämien für junge Muslime aus, denen es gelingt, christliche Frauen zu verführen und zu heiraten. Dies dient dazu, das "Haus des Islam" weiter zu füllen. - Muslime erhalten Geld, viel Geld aus den arabischen Staaten mit der Auflage, die Menschen in ihrem Umfeld zum Wahabitentum zu bekehren und neue Moscheen zu bauen."

Die Regierung hat inzwischen Maßnahmen zur stärkeren Kontrolle beschlossen. Die Kontingente der Sicherheitskräfte vor wichtigen Gebäuden und auf den Straßen werden verstärkt. Unsere Gesprächspartner fragen: "Was tut die Regierung, um die in den Stadtvierteln und Hinterhöfen Bamakos befindlichen Moscheen, Koranschulen und Geschäfte der radikalen Dawa zu durchsuchen und möglicherweise zu verbieten? Jeder von uns weiß, dass es sie gibt, doch keiner geht konsequent gegen sie vor."

Die Frage ist: Wie reagieren wir auf die jüngste Entwicklung? Was sollen wir denken, wie sollen wir handeln?

Menschen, die andere Menschen im Namen ihrer Religion oder aus anderen Motiven umbringen, sind nicht „nur Menschen“. Sie sind theologisch formuliert „ziemlich große Sünder“ oder aus dem Affekt heraus gesagt „absolute Arschlöcher und armselige Typen“. Dennoch sind Hass und Rache zwar verständliche, aber keine hilfreichen Reaktionsmechanismen. Und so bitten wir Gott, dass er unsere Herzen frei macht und uns hilft, auch für Terroristen zu beten und unsere Arbeit gelassen weiter zu tun. Und wir beten für die politisch Verantwortlichen und Sicherheitskräfte, dass sie richtige Entscheidungen treffen – und effektiv handeln.

Unser Wunsch ist, dass die malischen Gemeinden die Zeichen der Zeit erkennen und mutiger und mit mehr Elan in der Öffentlichkeit ihren Glauben an Jesus Christus, den alternativlosen Herrn dieser Welt, bezeugen.

Wir wollen die Zeit, die uns in Mali bleibt, zu konstruktivem Engagement nutzen und dort mithelfen, wo wir benötigt werden. Wir wollen in Menschen investieren, damit sie Jesus kennen lernen und mithelfen, die künftige Generation malischer Leiter auszubilden.

Wir wollen realistisch und aufmerksam sein und uns dabei nicht von der Angst bestimmen lassen. Dass Angst zu unserem Leben dazugehört, das hat Jesus selber seinen Jüngern schon vorhergesagt (Joh. 16,33). Doch er hat auch hinzugefügt, dass „er die Welt überwunden hat“. Unser Glaube ist in diesen Tagen herausgefordert. Lassen wir unser Leben von der Angst bestimmen oder von dem, der die Welt überwunden hat? 
Wer das Leben ernst nimmt, der wird sich eingestehen müssen: Es gibt keine absolute Sicherheit, weder in Europa noch bei uns in Mali. Wir haben Angst, Angst vor unheilbaren Krankheiten, vor Unfällen, und auch vor Terrorakten … Doch diese Angst darf nicht zu unserem Ratgeber werden; sie darf nicht unsere Tagesordnung bestimmen und unser Herz erfüllen. Sie darf nicht zum Ausgangspunkt unserer Entscheidungen werden. Bestimmend für unser Leben ist der Wille Gottes. Und es ist nicht selbstverständlich, dass wir diese Priorität immer klar sehen und nicht doch in von Angst geprägte Mechanismen verfallen.

Malier begreifen langsam aber sicher, dass Leute aus dem Westen anderen Gefahren und Bedrohungen ausgesetzt sind, als sie selber. Wir hoffen, dass sie daraus für die Arbeit in den Kirchen und christlichen Organisationen, in denen sie mit Missionaren zusammen arbeiten, die richtigen Schlüsse ziehen. Unsere Arbeitsstrategie wird sich noch mehr als bisher darauf einstellen müssen, dass wir Malier ermutigen, mehr Verantwortung und Eigeninitiative zu übernehmen. Wie sich die aktuelle Entwicklung auf die Arbeit der Allianz Mission in Mali langfristig auswirken wird, das wird sich herausstellen. "Wir sind nirgends mehr sicher", schreibt ein malischer Journalist, "weder zu Hause, noch auf den Straßen, noch an unseren Arbeitsplätzen. Auf absehbare Zeit in einem ruhigen und friedlichen Mali zu leben, ist eine Illusion".