Dienstag, 19. April 2016

Mali | vom Rollenspiel auf fremden Bühnen

1988 haben wir als Familie zum ersten Mal malischen Boden betreten. Alles das, was die Experten mit Kulturschock verbinden haben wir mit mehr oder weniger größerer Intensität durchlebt. Eine große Neugierde in der Anfangszeit, Enthusiasmus für die neue Sprache, die Menschen und ihre Kultur. Unsere deutsche Herkunftskultur geriet in der ersten Phase der Euphorie ein wenig ins Hintertreffen und wurde kritisch reflektiert. Allmählich pendelte sich das Lebensgefühl in ein realistisches Gleichgewicht ein. Auf dem Weg dorthin gab es unbeabsichtigte Enttäuschungen und Verletzungen auf beiden Seiten. Plötzlich war nicht mehr alles Gold, was neu und afrikanisch war. Der Satz eines erfahrenen Missionars bewahrheitete sich: "Das Einzige wessen du dir in der interkulturellen Arbeit sicher sein kannst ist, dass du Fehler machen wirst." 
Malier waren und sind die großen Spezialisten ihrer Kultur – wie könnte es auch anders sein – doch allmählich begriffen wir, dass ...
... auch sie Verhaltensmuster innerhalb ihrer eigenen Kultur unterschiedlich bewerteten, nicht einordnen konnten oder sogar ablehnten. Auch die afrikanische Kultur ist nicht perfekt und bedarf des kritischen Blicks - logisch. Auch unter Maliern gibt es persönliche und geschichtlich gewachsene Vorurteile, ethnozentrisches Verhalten und ein gewisses Maß an kritischem Umgang mit der Entwicklung im Land und der eigenen kulturellen Mentalität - alles menschlich. Nur - diese Feinheiten hatten wir als Neue bisher nicht so wahrgenommen. 

Eigene Kulturen sind nicht deshalb besser, weil deren Erfinder und Gestalter ihre Mechanismen besser beherrschen.

Jeder kann und muss vom anderen lernen. Interdependenz – die gegenseitige Abhängigkeit und Ergänzung – ist eine wichtige Voraussetzung für gelingende Partnerschaft und kulturgeschichtlichen Fortschritt. Das gilt für Europa genauso wie für Afrika. Genau das macht den Reichtum interkultureller Begegnungen aus. Allerdings dürfen kultureller Wandel und mit ihm einhergehende Lernprozesse nicht erzwungen werden. 

Gäste, wenn sie das Vertrauen der Menschen genießen, können Fragen stellen und Anmerkungen machen, aber sie haben nicht das Recht Veränderungen zu forcieren. 

Der fruchtbare Lernprozess setzt Offenheit, Toleranz, kreative Kritik und Geduld voraus.
In der Rückschau haben wir einige Entdeckungen gemacht, die für das Rollenverständnis des Missionars in der malischen Gesellschaft aufschlussreich sind. Dabei haben wir auch gemerkt, dass wir unabhängig von individuellen, persönlichen Verhaltensweisen in Schubladen landen, die der Kolonialzeit sowie der bisherigen Missionsgeschichte und den dort entstandenen Begegnungsmechanismen geschuldet sind.
Um es vorweg zu nehmen. Wir haben es in all den Jahren nicht geschafft zu „unangefochtenen Insidern“ der malischen Kultur zu werden. Wir sind irgendwie Weltbürger geworden, ganz bewusst, mal unbewusst - third-culture-people - eine Mischung, wobei wir nicht immer sagen können, wie hoch die jeweiligen Anteile sind. Je länger wir hier sind, umso mehr sind uns die Menschen ans Herz gewachsen, aber viele Fragen nach dem Wieso-Weshalb-Warum in Bezug auf die malische Kultur machen uns immer noch zu schaffen …

  • die Ohnmacht der Masse, gegen ein offensichtlich korruptes System und deren politische Vertreter aufzustehen, (... weil die Meinungsführer der einfachen Leute wiederrum auf korrupte Art mundtot gemacht werden und damit die moralische Legitimität verlieren aufzustehen !?)
  • die unaufrichtige Rede, weil die Angst besteht, durch klare Positionierung jemanden vor den Kopf zu stoßen, (... weil Beziehungsorientierung und die Furcht der Bloßstellung des anderen (Scham) es schwierig machen, eindeutig zu sein !?)
  • die scheinbar unüberwindbare Hürde, ein Verhalten einzuüben, das nicht dem eigenen sozialen Status entspricht (... weil Statusdenken und die damit verbundene Reputation alternativen praktischen Notwendigkeiten in der Lebensführung entgegenstehen !?) 
  • Konkurrenten mit Neid zu überschütten, sie damit sozial zu isolieren, oder sogar durch Mord aus dem Weg zu schaffen (... weil individuelle Errungenschaften durch das Kollektiv herabgestutzt werden !?), 
  • der unterwürfige Minderwertigkeitskomplex oder auch die gewiefte Taktik, die die eigenen Errungenschaften, Leistungen und Möglichkeiten herunterspielen, um nicht von der Weltbank und der Spendenbereitschaft westlicher Christen abgeschnitten zu sein (!?)
Was gelungen ist, ist Wertschätzung und Respekt für geleistete Arbeit zu erhalten, einen Kollegenkreis aufzubauen und auch einige Freunde zu gewinnen. Auch hat die gegenseitige persönliche und kulturelle Kenntnis im Lauf der Zeit zugenommen. Malier haben gelernt, wie Deutsche ticken können und unsere Kenntnis hat dazu geführt, dass man uns nicht so leicht ein X vor ein U machen kann. Doch wir sind zu einem gewissen Maße Fremde geblieben und „privilegierte Outsider“.

In der soziologischen Einordnung unserer Rollen ergibt sich eine gewisse Rangfolge, die in der folgenden Tabelle visualisiert wird. Die Einordnung entspricht der quantitativen Nennung der genannten Titel im Alltag, sowie der Qualität der Akzeptanz und Nähe zu den Mitmenschen in der malischen Kultur. 


Titel
Subjektive Wahrnehmung
Einordnung
tubabu (malische Bezeichnung für Weiße, Leute aus dem Westen, aus dem arab. tabib = Arzt)


1



du bist ein Fremder; du hast eine weiße Haut; du bist anders und siehst die Dinge anders; du wirst nie einer von uns sein; du bist Gast und Besucher; du hast eigene Interessen, die du verfolgst und musst dir unser Vertrauen erst erwerben; du bist reich und verfügst über fast uneingeschränkte materielle Privilegien; du hast einen höheren Bildungsstand
Ausdruck der privilegierten Fremdheit, Gaststatus 
missionnaire (der westliche von einer Missionsgesellschaft ausgesandte Mitarbeiter, Missionar)




2
wir wissen, weshalb du hier bist: du bist gekommen, um Gemeinden zu gründen und Projekte zu starten und sie mit deinen geistlichen und materiellen Gaben zu unterstützen – tust du es nicht, wird die Nützlichkeit deines Beitrags und der Sinn deines Hierseins in Frage gestellt; wenn es hart kommt, bist du der „große Bruder“, den wir um Hilfe bitten; sind wir mit malischen Kollegen unterwegs, werden wir als Missionare vorgestellt (d.h. ich habe einen Kollegen dabei, der aus dem Ausland gekommen ist, um uns zu helfen); der Titel Missionar wird auch als anerkannte Berufsbezeichnung gehandelt
Ausdruck einer an das religiöse Mandat zweckgebundenen und privilegierten Fremdheit

Die ersten beiden Kategorien sind vom Verständnis in der Gesellschaft und in den Gemeinden geprägt und den aus dem Westen kommenden Personen vorbehalten. Auch wenn der Begriff Missionar aus theologischer Sicht an keinen Kulturkreis oder Hautfarbe gekoppelt ist, wird er in der Regel auf Leute aus dem Westen angewandt. In Mali arbeitende Missionare aus Nigeria werden eher als Pastor und weniger als Missionar tituliert. Bei Missionaren aus westlichen Ländern ist es tendenziell genau umgekehrt.

Titel
Subjektive Wahrnehmung
Einordnung
Monsieur/Madame - pasteur – docteur – professeur - doyen - patron, (Herr/Frau, Pastor, Doktor, Lehrer, Studienleiter, Chef)



3

Du hast einen anerkannten familiären bzw. beruflichen Status; du bist ordiniert und damit berechtigt, einen geistlichen Dienst auszuüben; du bist mein Vorgesetzter und bezahlst Steuern und Medikamente und räumst mir Kredite ein, wenn ich sie benötige; du hast dir akademische Würden erworben – ich trage dir die Aktentasche, wasche dein Auto und serviere dir den Tee und erlaube es dir nicht, dass du selber den Müll nach draußen bringst
Ausdruck des (teilweise unterwürfigen) Respekts und der Verantwortung
frère – soeur – collègue  (Bruder, Schwester, Kollege)



       4


Du bist einer von uns, weil wir gemeinsam in Christus verbunden sind; du bist Mitglied unseres Teams und unserer Gemeinden
Ausdruck von Gemeinschaft und Zugehörigkeit
Alfred/Christiane (persönliche Anrede mit dem Vornamen)



5

Du bist ein Freund; wir können auch über private Dinge reden und uns gegenseitig beraten
Ausdruck von Freundschaft und Vertraulichkeit

Am Anfang ist für jeden klar, dass wir erst einmal Tubabu und Missionare sind. Wir sind neu, sind anders, müssen lernen und haben unsere Rolle wahrzunehmen. Im Laufe der Zeit wird uns wegen der geduldigen und konstruktiven Arbeit oder des erworbenen beruflichen oder akademischen Status der Respekt unserer Mitmenschen zuerkannt. Persönliche Zuwendung und vertrauensvolle Zusammenarbeit lassen auch Freundschaften entstehen.

  • Gründen wir eine Gemeinde, sind wir Kollegen im pastoralen Dienst. 
  • Bilden wir malische Pastoren aus, dann sind wir „geschätzte Lehrer“. 
  • Besuchen wir einander und öffnen unsere Herzen, dann sind wir Geschwister und werden eventuell zu Freunden. 
  • Geht es um Gehaltserhöhung und Kredite und um die letzte Verantwortung, dann sind wir die Chefs.
  • Melden wir uns kritisch zu Wort, dann sind wir plötzlich wieder „nur Missionare“ die ihrer fremden Organisation gegenüber loyal sein müssen und werden daran erinnert,
  • dass wir Tubabu sind, die deshalb anders denken, weil sie westlich ticken und die afrikanische Kultur noch nicht so richtig verstanden haben.
Einfach nur mitarbeiten und Bruder oder Schwester sein, das ist recht schwierig, weil es nicht den Erwartungen entspricht, die an den Missionar aus dem Ausland geknüpft werden. Wir sind "Bruder und Schwester plus" - eine/r, mit dem wir um Jesu willen verbunden sind, plus ...

  • einer, der darüber hinaus Projekte initiiert, 
  • der Schirmherr von Veranstaltungen und Vereinen ist, 
  • der uns hilft, ins internationale Netzwerk eingebunden zu sein, 
  • der sein Know-how als Experte einbringt, 
  • der den Finanzbedarf langfristig absichert und neue Kooperationen ermöglicht, 
  • "ein Busch, auf den man mit Steinen zielt um zu sehen, ob ein Vogel auffliegt" (Sprichwort) oder 
  • der "Hahn, hinter dem man sich einreihen kann, um an Futter und Wasser zu gelangen" (Sprichwort).
Trotz des Respekts, trotz aller Brüderlichkeit und Freundschaft bleiben wir in den Köpfen der Malier immer noch Missionare aus dem Westen und damit Fremde und Gäste. Das wird besonders dann deutlich, wenn wir nicht einer Meinung sind. Vor Jahren, als wir neu im Land waren, haben wir Meinungsunterschiede unserer mangelnden Kulturkenntnis zugeschrieben. Heute blicken wir besser durch und kommen zu unterschiedlichen Positionen weil wir die Kultur besser kennen und manche Machenschaft durchblicken.
Dann besteht die Gefahr, dass aus der Bruderschaft und der Gemeinschaft in Christus eine konkurrierende Partnerschaft entsteht. Aus dem Bruder wird plötzlich wieder der fremde Tubabu, der Gegenüber, dem es nicht gelungen ist bzw. der nicht willens war, die ihm zugedachte Rolle zufriedenstellend auszufüllen.
Fazit: Deine Kinder können in Mali geboren sein, du kannst fast dein ganzes Berufsleben im Land verbracht haben, Bambara besser beherrschen als mancher Malier selber, oder die malische Staatsbürgerschaft angenommen haben – du bleibst ein „privilegierter Outsider“, dem eine Rolle zugedacht ist und der mit Erwartungen konfrontiert wird um deren entsprechende Erfüllung Malier ihn herzlich bitten.
Manchmal wünschen wir uns, wir könnten wirklich allen Erwartungen entsprechen, Kopf über in die Kultur eintauchen und den „Afrikanern ein Afrikaner“ werden, so wie sie sich das vorstellen. 


Aber andererseits fragen wir: Müssen wir wirklich in allen Belangen nach der Pfeife der malischen Regisseure tanzen und "rollengerecht funktionieren"? Muss unser Beitrag stets durch zufriedenes Nicken und Schulterklopfen anerkannt werden? Sollen wir unsere Fragen und Anmerkungen um der Harmonie willen zurückhalten, so dass ja keine kritische Atmosphäre entsteht? 
Gemessen am Neuen Testament stehen wir mit „unserem Rollenspiel auf fremden Bühnen“ nicht alleine da. Gast zu sein ist einerseits eine hohe Ehre. Doch Gäste sind auch Fremde. 
  • Jesus war nur ein Gast auf Erden und selbst einigen seiner engsten Vertrauten ist er mit seinen Ansichten bis zuletzt fremd geblieben. Er kam in sein eigenes Haus und wurde nicht akzeptiert. Jesus war kein "Rebell aus Prinzip", aber er trat provozierend auf, wenn es sein musste, verletzte das Gastrecht und stieß Tische um, als symbolische Handlung seines Widerstands. Und deshalb hatte er auch genug Kritiker. Es kannte Zeitgenossen, die mal Beifall klatschten und kurze Zeit später lauthals seinen Kopf forderten. Von Jesus lernen wir, die Mission trotz aller Widerstände und ehrlicher oder vorgetäuschter Sympathie zu Ende zu bringen.
  • Paulus war als Gast an den Orten unterwegs, wo er Evangelium verkündigt und Gemeinden gegründet hat. Und als er sich gegen Kritik aus den Reihen der Gemeinden und wegen seines missionarischen Vorgehens verteidigen musste, da wurde ihm spätestens klar, dass er es nicht allen recht machen konnte. Von Paulus lernen wir, dass die „apostolische Freiheit“ ein hohes Gut ist und der Abhängigkeit von strukturellen Mechanismen sowie Menschen und deren Wohlwollen vorzuziehen ist. 
Bei Jesus und Paulus wird deutlich, dass sie Haltung bewahrt, die Menschen trotz aller Missverständnisse geliebt und ihre Lebensenergie für sie eingesetzt haben. So wollen wir es auch sehen.