Mali | wenn du merkst, dass da etwas wegbricht

Seit 6 Jahren kennen wir die Diagnose: Demenz. Seit dieser Zeit haben wir Ärzte konsultiert, die uns mit ihren Diagnosen und therapeutischen Maßnahmen begleitet haben. Nach jedem Arztbesuch sind wir wieder zurückgekehrt in unseren Alltag, den wir versuchen, den Umständen entsprechend zu gestalten. Nicht nur Ertragen, sondern schöne Momente aktiv erleben, sie für eine kurze Zeit festhalten. Der Umgang mit Demenz, es ist ein Lernprozess. Zunächst ein Aufbäumen, immer wieder Hilfeschreie, Gebete um Heilung, ein Arrangement mit Höhen und Tiefen. Hoffnung und Verzweiflung. Ein langsames Abschiednehmen. Degeneration. Wir lernen das Vergessen kennen, schrittweise, unaufhaltsam, stetig. Wir sehen es nicht, wir spüren es, dass die Zellen im Gehirn sich vergeblich bemühen, einander die Hände zu reichen, um logische Verknüpfungen herzustellen und die Reihen zu schließen. Der Weg zueinander ist zu weit, die Geduldsfäden werden kürzer. Wir tauchen in Welten ein, der Tiefsee gleichend, die wir vorher so nicht kannten. Aus Sanftheit wird Aggression. Uns stockt der Atem. Wir strampeln uns an die Oberfläche zurück. Wir holen Luft. Die Liebe bleibt. Sie ist einfach immer noch da. Das Maß von Geben und Nehmen verliert an Bedeutung.  Die Situation annehmen, sie in ihrer Tragweite vor Gott ausbreiten. Daran festhalten, dass selbst dann, wenn die Erinnerung an gemeinsames Erleben schwindet, es immer eine Hoffnung gibt, die nicht an menschliche Erinnerung und Logik geknüpft ist. Ob Christiane den Tag noch weiß, an dem sie sich für ein Leben in der Nachfolge Jesu entschieden hat, wann sie getauft wurde? Das wirklich Tragende ist nicht das, was wir selber über unser Leben wissen, sondern was Gott von uns weiß. Und Gott weiß, dass wir seine geliebten Kinder sind, gerettet durch Jesus Christus. Geborgen in starken Händen.
Die Verschlechterung kommt in Schüben und als Begleiter merkst du, dass da Fähigkeiten, Qualitäten und bekannte Verhaltensmuster wegbrechen, wie ein eisiger Brocken, der sich vom Eisberg löst. Ohnmächtig schaust du zu, wie er aufs weite Meer hinaustreibt, wo er sich unwiederbringlich allmählich in seinen flüssigen Zustand auflöst. Sein Wasser verdunstet. Es sammelt sich in Wolken und kehrt wieder ins Leben zurück an einem anderen Ort zu einem anderen Zweck. Das ist ein Hinweis über das Vergängliche hinaus. Es bleibt immer die Hoffnung auf ein heilsames Wunder, die Hoffnung auf Gottes tragende Kraft im Leid und die Hoffnung auf Gottes heile Welt.
Wir müssen lernen, Tränen der Entlastung und der Trauer um gemeinsame schöne, erfüllte Zeiten zu weinen. Wir lernen, wie unser Leben vergänglich ist und Kräfte schwinden. Wir lernen, der Realität neu ins Auge zu schauen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen: unsere Hoffnung ganz an Gott festklammern, unser Leben neu ordnen, hilfreiche Maßnahmen einleiten, weiter nach oben und nach vorne schauen. Nicht aufgeben. Beieinander bleiben.

Kommentare

  1. Bernd Breitmaier16:20

    Deine Worte haben enormen Tiefgang und sind sehr berührend. Gelebtes Gottvertrauen. Danke für deine Ehrlichkeit und Transparenz. Ich kann viel davon lernen und profitieren. Über alle dem wünsche ich euch von Herzen, dass Gott euch mit der Last auch die Kraft schenkt und euch jeden Tag aufs Neue beschenkt. Seid gesegnet. Ich bete weiter, dass du bald ausreißen kannst und dass Christiane wieder zu Kräften kommt und Gott Heilung schenkt.

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  2. Ich habe diesen Blog an einen Freund in Moers weitergeleitet, dessen Frau in jungen Jahren auch die Diagnose Demenz erhalten hat. Er versprach ihr, sie nicht in ein Heim zu geben und hat zuhause tagsüber, während er arbeitet, ein Pflegeteam organisiert. Abends und an den Wochenenden übernimmt er die Rund-um-die-Uhr Betreuung seiner Frau. Nun schon 7 Jahre. Ich denke, deine Worte zu Christianes Erleben werden ihn ermutigen. Ich bete für dich und Christiane in der aktuellen Situation.

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  3. Ich " kenne" Sie seit sie unsere Gemeinde in Freiburg mal besucht haben und lese immer interessiert Ihre Freundesmail und nehme sehr Anteil an Ihrer Situation mit der Krankheit Ihrer Frau.
    Dieses Schreiben ist einfach aussergewöhnlich! Kein Poet dieser Welt hätte solche Worte finden können. Sie sprechen von einer innigen Liebe zu Ihrer Frau, von gegenseitigem Respekt, von gemeinsam gelebtem Glauben, von einer tiefen Gottesbeziehung, die auch in so heftigen Erschütterungen stand hält... Danke für Ihr Vorbild. Danke, dass sie uns teilhaben lassen an diesen intensiven Gefühlen und Gedanken. Möge unser himmlische Vater sie beide
    umhüllen und sie seine Barmherzigkeit erfahren lassen. Ich bete für Sie und ihre Frau.
    Liebe Grüße: Rotraut Bühler

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