Samstag, 25. März 2017

Mission | das vergessene Fenster

In Berlin präsentiert sich gerade die geballte Wucht landeskirchlicher und freikirchlicher Missionsdynamik. Der Name des Kongresses im Berliner Velodrom ist Programm – DYNAMISSIO. Die Landeskirchen ringen um die Rechtfertigung missionarischer Arbeit. Bereits Getaufte ...
erneut mit dem Evangelium zu konfrontieren ist für viele ein Problem. Judenmission ist tabu, und in der Rheinischen Kirche z.B. ist selbst die Mission unter Muslimen ein zweifelhaftes, weil gegen den Mainstream der Toleranz verstoßendes Delikt. Freikirchen leben zu sehr davon, dass sie zwar geringfügig wachsen, dieses Wachstum aber eher durch "Überläufer" aus anderen Kirchen entsteht und weniger durch Neubekehrte.

Es bleibt zu hoffen,

  • dass die theologischen Vorbehalte rund um das Thema Mission überwunden werden, 
  • dass die Koalition der Evangelisten in den evangelischen Kirchen und Freikirchen wirklich zustande kommt und sich als zukunftsweisend und solide erweist,
  • dass im Jahr des Reformationsjubiläums nicht nur um die inneren Werte der vier soli gerungen und darüber nachgedacht wird, sondern die transformatorische Kraft der Reformation in einer offenen Haltung gegenüber der Gesellschaft zum Ausdruck kommt (Luther war ja nicht nur Reformationstheologe, sondern auch ein Rebell und fast ein Revolutionär wider Willen, und wohl eher von provozierender Geradlinigkeit als von aufweichender Toleranz geprägt). 
Die klugen und kreativen Köpfe tun sich zusammen und unternehmen den berechtigten Versuch, im eigenen Land und im Blick auf ihre eigenen Kirchen den Gedanken der Mission zu redynamisieren. Das ist super. Super wäre es auch, wenn sich diese Dynamik zu einem neuen weltmissionarischen Engagement in den Brennpunkten unserer Welt entwickeln würde. Der Rest der Welt darf nicht aus dem Blickfeld rutschen. - Es hilft nicht, sich mit der Tatsache aus der Affäre zu ziehen, dass die Welt in einem gewissen Sinne „zu uns kommt“ und in Form von Migranten aus fernen Ländern und unbekannten Kulturen bei uns aufschlägt. Der von Gott geliebte Kosmos überschreitet immer die Grenzen der eigenen, mir "nahestehenden Welt" und selbstverständlich auch die mir bekannten geographischen Räume.

Angesichts der Meldungen aus anderen Teilen der Welt, komme ich neu ins Nachdenken über das 10/40er Fenster, das uns vor Jahren die Dringlichkeit des weltweiten missionarischen Auftrags vor Augen gemalt hat. Es ist jener geographische Raum, der sich zwischen dem 10. und 40. Breitengrad erstreckt. Er wird auch der „Resistant Belt“ genannt. 

  • 4,89 Milliarden Menschen, aufgeteilt in 8.209 unterschiedliche ethnische Gruppen, leben hier. 62 % davon, also ca. 3 Milliarden Menschen, gelten als vom Evangelium unerreicht, d.h. hier gibt es kein christliches Zeugnis oder zu wenig Christen und Gemeinden, die in der Lage wären, ihre Region nachhaltig mit dem Evangelium zu durchdringen.
  • Hier lebt immer noch die Mehrheit der Muslime, Hindus und Buddhisten. 
  • In diesem Gebiet gibt es die 50 am wenigsten evangelisierten megacities dieser Erde.
  • Die Mehrheit der Bevölkerung gehört zu den Armen, die um ihr Überleben kämpfen.
  • Nur knapp 4% der Missionare arbeiten unter den genannten unerreichten Ethnien. 96% der von Missionsgesellschaften und anderen christlichen Agenturen ausgesandten Missionare arbeiten unter Nichtchristen in bereits erreichten Gebieten.
  • Nur 5,5 % der von den Kirchen für Evangelisation und Mission vorgesehenen Gelder werden für die Missionsarbeit außerhalb ihres eigenen Landes aufgewendet (Außenmission), und davon gehen nur 1 % in die Länder des 10/40er Fensters, wo die Unerreichten leben und die geistliche wie soziale Not am größten ist.
In der Missionsgeschichte wird deutlich, dass sich die missionarischen Anstrengungen vor ca. 200 Jahren zunächst auf die Küstengebiete und die von kolonialen Verwaltungen geschützten Gebiete konzentrierten. Danach folgte eine Welle der „Inneren Mission“, wo der Aufenthalt und die Arbeit der Missionare von großen Unsicherheiten geprägt waren. In der jüngeren Zeit stehen immer mehr die noch unerreichten Volksgruppen im Vordergrund missionsstrategischer Überlegungen.

Die folgenden Länder werden zum 10/40-er Fenster gezählt:

Afghanistan, 
Ägypten, Albanien, Algerien, Äthiopien, Azerbaijan, 
Bahrain, Bangladesh, Benin, Bhutan, Brunei, Burkina Faso, 
China, China Hong Kong, China Macau, Djibouti, 
Eritrea, Gambia, Gaza (West Bank), Guinea, Guinea-Bissau, 
Indien, Indonesien, Iran, Irak, Israel, Japan, Jordanien, 
Kambodscha, Kazakhstan, Nordkorea, Kuwait, Kyrgyzstan, 
Laos, Libanon, Libyen, 
Malaysia, Malediven, Mali, Mauritanien, Mongolei, Marokko, Myanmar (Burma), 
Nepal, Niger, Nigeria, Oman, Ost Timor, Pakistan, Qatar,
Senegal, Somalia, Sri Lanka, Sudan, Syrien, 
Taiwan, Tajikistan, Thailand,Tschad, Tunisia, Turkei, Turkmenistan, 
Vereinigte Arabische Emirate, Uzbekistan, Vietnam,
West Sahara, Yemen

Einige dieser Länder sind Krisengebiete. In vielen dieser Länder ist eine klassische Missionsarbeit nicht möglich und Missionare könnten hier gar nicht einreisen. Deshalb sind kreative Zugänge notwendig (Wirtschaftsbeziehungen, Bildungsbereich u.a.).

Ein paar Wünsche:

  • Ich wünsche mir dass die Kirchen in Deutschland den gleichen Elan für die grenzüberschreitende, weltmissionarische Verantwortung aufbringen wie den, den sie für die Wiederbelebung des missionarischen Gedankens im eigenen Land aufwenden.
  • Ich wünsche mir, dass die weltweit tätigen Missionsgesellschaften strategisch umdenken und mittelfristig ihr Personal aus den schon erreichten Ländern abziehen, wo sie teilweise schon viele Jahrzehnte tätig sind und sich missionarisch aktive Kirchen gebildet haben, und sich stattdessen auf die unerreichten Länder konzentrieren. 
  • Ich wünsche mir mehr Leidensbereitschaft, die Länder verstärkt in den Blick zu nehmen, die von Krisen und großen Herausforderungen geprägt sind.
  • Ich wünsche mir, dass die junge Generation sich nicht der Illusion hingibt, mit einem Freiwilligenjahr im Ausland die Welt verändern zu können. Wirksame Missionsarbeit benötigt ein langfristiges Engagement und die Bereitschaft, bei der Lebensplanung, die „besten Jahre“ für Gott zu investieren.