mercredi 22 mars 2017

Gott handelt überraschend, anstößig, undiplomatisch.

Gottes Handeln ist erstaunlich, provokant und ermutigend zugleich. In den Geschichten der Evangelien, die die Geburt Jesu zum Thema haben (Matth 1-2 und Lk 1-2) wird eine Matrix göttlichen Handelns sichtbar, die aufhorchen lässt.
Was fällt auf?

Völlig 
ungewöhnlich und überraschend: Gott begegnet Menschen persönlich durch spezielle Boten (Engel).
Gott sendet einen Engel zu Zacharias im Tempel (Lk 1,11) und zu Maria nach Galiläa (Lk 1,26). Joseph begegnet der Engel Gottes in einer nächtlichen Vision (Matth 1,13). Ohne roten Teppich und ...
vorherige Ankündigung präsentiert sich Gott im Alltag der Menschen. Alle drei Personen werden vom Eingreifen Gottes in ihrem Leben völlig überrascht.
  • Zacharias begegnet der Engel Gottes bei der Verrichtung seiner priesterlichen Dienste (Lk 1,11). Als der Engel ihm die Geburt seines Sohnes ankündigt, zweifelt er, weil die offensichtliche Unfruchtbarkeit seiner Frau und das Alter der beiden Eheleute eine andere Sprache spricht. Er wird mit Stummheit bestraft. Doch Gott macht weiter. Elisabeth wird gegen alle natürlichen Erwartungen schwanger. Ihr Sohn Johannes wird eine wichtige Rolle im Reich Gottes einnehmen - ein Naziräer (Gottgeweihter) wird er sein, einer im Geist und in der Kraft des Propheten Elia und einer, der den frommen Juden Buße predigt (Lk 1,16-17). 
  • Maria, eine noch sehr junge Frau, wird die Gnade zuteil, den Sohn Gottes zur Welt zu bringen (Lk 1,30-32.35). Der Bote Gottes erscheint ihr in ihrem Haus, so als ob das völlig normal wäre. Laut Anweisung des Engels, werden sie dem Sohn einen jüdischen Namen geben - Jesus. Doch er ist mehr als ein Mensch - der Sohn des Höchsten, der Sohn Gottes. Maria beugt sich voller Ehrfurcht dem, was an ihr geschieht (Lk 1,38).
  • Joseph begegnet ein Engel - zweimal, um ihn davon abzuhalten, seine junge schwangere Verlobte angesichts der ungewollten Schwangerschaft „in die Wüste zu schicken“. Der Engel ermutigt ihn zunächst, das Drama der Menschwerdung Gottes trotz aller Unanhemlichkeiten wohlwollen zu begleiten, und dann um ihm zu sagen, zum Schutz der Familie zur Migration nach Ägypten aufzubrechen (Matth 1,24; 2,13). Joseph widersetzt sich dem ungewöhnlichen Handeln Gottes nicht. Er gehorcht.
Wir benötigen die Offenheit für das ungewöhnliche, furchteinflößende und völlig überraschende Handeln Gottes, um für Neues und Großes in unserem Leben vorbereitet zu werden.

Völlig anstößig - Gott handelt an den traditionellen Gepflogenheiten vorbei.

  • Maria, eine verlobte Frau wird schwanger, obwohl sie, wie es sich gehört, noch nie mit einem Mann geschlafen hat (Lk 1,34; Matth 1,25). Joseph und Maria sind zwar einander versprochen, doch Gott wartet den Vollzug der Ehe nicht ab. Maria "empfängt ein Kind", und Gott setzt die beiden Verlobten damit einem gesellschaftlichen Spießroutenlaufen aus. Sie werden mit Fragen konfrontiert, die sie nicht wirklich beantworten können. 
  • Elisabeth, die Mutter, proklamiert anstelle des zeitweilig Stummen Familienvaters Zacharias und gegen die protestierende Verwandtschaft den Namen des neugeborenen Jungen. Für die Familie war klar, dass er den Namen des Vaters trägt (Lk 1,59), um gemäß der Tradition in seine priesterlichen Fußstapfen zu treten. Elisabeth als Frau widersetzt sich den Gepflogenheiten und wird letztendlich von ihrem Mann bestätigt (Lk 1,63). Gott löst seine Zunge und Zacharias vollzieht im Glauben die Ansage des Engels und sagt in der Kraft des Geistes Gottes vorher, dass Johannes ein Prophet des Höchsten (Lk 1,76) genannt werden wird. 
Wieder ist es ein anstößiger Weg. Es gilt Hindernisse zu überwinden. Die beteiligten Personen benötigen eine große Portion an Mut, um die Widerstände in ihrem Herzen und in der Gesellschaft auszuhalten.

Völlig undiplomatisch - Gott kooperiert mit sozial Schwachen, um den Starken und Mächtigen ihre Grenzen aufzuzeigen.  
Das ist eine starke Nummer und ein Schlag ins Gesicht der Mächtigen und Einflussreichen. Maria und Joseph, Elisabeth und Zacharias, der alte Simon, die Hirten als erste Zeugen der Geburt Jesu, die schwierigen Umstände in dem Viehverhau am Rande des kleinen Dorfes Bethlehem – das sind alles einfache Leute in alltäglichen einfachen Umständen. Und es ist kein Zufall, dass Gott gerade sie erwählt, um seine große Geschichte zu schreiben.
  • Den frommen Juden, die sich ihrer Erwählung so sicher waren, wird von Johannes dem Täufer gesagt werden, dass sie Buße tun müssen (Lk 1,16). Nochmal: Fromme Leute müssen ihre Sünden bekennen und neu anfangen. 
  • Maria spricht von ihrer Niedrigkeit (Lk 1,48). Aus dem Mund der unbedeutenden jungen Frau klingen prophetische und mächtige Worte: Mächtige sollen vom Thron gestoßen werden (Lk 1,51-52), Hungrige sollen satt werden (V. 53), er wird die Verheißungen an die Väter erfüllen und ihnen eine neue Qualität verleihen (V. 54). Das sind prophetische Worte einer jungen Mutter, die die Welt verändern. Die Mächtigen müssen sich das anhören. 
  • Der alte Simon weitet den Horizont: Nicht nur dem Volk Israel gilt die Sendung des Messias, sondern allen Menschen (Lk 2,29-32). Das ist Grenzüberschreitung und ein provokanter Bruch mit dem nationalen jüdischen Dogma. Dem alten Volk war anvertraut worden, "ein Licht für die Nationen zu sein" (Jes 42,6; 49,1-6 u.a.), doch sie haben es nicht hinbekommen. Der Messias musste kommen, um den Blick zu weiten. Jesus macht sich auf. Er geht an die Ränder der Gesellschaft, zu denen, die mit schiefen Blicken bedacht werden. Er überfährt das Durchfahrtsverbot des religiösen und gesellschaftlichen Anstands und geht zu den von den Juden gehassten Samaritanern. Dort unterhält er sich als jüdischer Rabbi lange mit einer Frau (Joh 4) mit zweifelhaftem Ruf und ein andermal heilt er zehn Aussätzige aus Samarien (Lk 17,11-19) - völlig daneben, rücksichtslos, völlig undiplomatisch und unkorrekt.
  • Die Prophetin Hanna legt Zeugnis ab von der "nahenden Erlösung" (Lk 2,36-38). Ihr intensives Studium mit den prophetischen Schriften und die Ereignisse um die Geburt Jesu hatten ihr die Augen geöffnet.
Es ist kein Zufall, dass Lukas den Frauen Elisabeth, Maria und Hanna einen ungewöhnlich breiten Raum in der Berichterstattung einräumt. Das ist kein künstlicher Feminismus, aber es ist eine in die Geschichte Gottes eingebettete sozialtransformatorische Botschaft. Frauen gehören wie selbstverständlich zu dem erweiterten Kreis der Nachfolger Jesu und spielen bei den heilsgeschichtlichen Eckpunkten (Geburt, Kreuzigung, Auferstehung) eine, gemessen an den jüdischen Gepflogenheiten, herausragende Rolle.
Gott sucht schwache Menschen aus, um seine Pläne zu verwirklichen und um die Macht der Mächtigen zu brechen. Die Reichen und Einflussreichen stehen oft daneben und sehen sich um ihre Errungenschaften geprellt. Sie widersetzen sich (Herodes), zögern, oder springen erst sehr spät auf den Zug auf.
Diese Botschaft ist revolutionär, und sie muss verkündigt und gelebt werden.