Mittwoch, 22. November 2017

Koulikoro | spannungsgeladene Atmosphäre

Es war ein spannender Besuch im Gefängnis in Koulikoro. Die Straße zwischen Bamako und Koulikoro wird gerade ausgebaut. Unterwegs begegnen wir Fahrzeugen der Bundeswehr. Deutsche Soldaten sind in dieser Gegend stationiert und engagieren sich in der Ausbildung malischer Militärs, im Sanitätsbereich und wirken im Norden Malis bei friedenssichernden Maßnahmen mit. Verstaubt und durchgeschüttelt erreichen wir unser Ziel. Über 160 Gefangene sitzen dort im Knast zurzeit ein. Dschihadisten aus dem hohen Norden, Schwerverbrecher, Mörder, die aus anderen Gefängnissen des Landes hierher verlegt wurden.
Der Gefängnisdirektor ist ein alter Bekannter und sehr offen für die Besuche, die Pastoren und Missionare im Namen der Ev. Allianz Malis im Gefängnis durchführen. Er erzählte uns von den Entwicklungen, die ihm gerade Kopfzerbrechen bereiten. Meuternde Schwerverbrecher und ein spannungsgeladenes Klima in den Zellen. Hinzu kommt die ständige Angst, dass sich draußen vor den Toren der Anstalt Islamisten zusammenrotten, um die einsitzenden Kampfesgenossen zu befreien. „Es gibt Nächte, da finde ich keinen Schlaf“, gibt er zu, „wir leben Tag und Nacht mit der latenten Angst, dass eine Meuterei ausbricht. Neulich mussten wir mit Schüssen in die Luft die Situation besänftigen.“ „Wir sind Christen“, antworte ich, “und wir haben das Gebet als starke Waffe, die wir jederzeit einsetzen können“. Unser malischer Kollege fragt, ob wir für ihn und die Situation beten können. Er stimmt dem zu, und ich spreche ein Gebet. Wir deponieren die unterwegs erstandenen Brotsäcke an der Wache. 

Auf dem gegenüberliegenden Wachturm läuft ein mit einer MG bewaffneter Soldat auf und ab. Wir gehen in Begleitung eines bewaffneten Wachsoldaten in die Zellen, singen, sagen Gottes Wort weiter und beten. Ala be mogo bee kanu, tinye don – Gott liebt alle Menschen, das ist wahr – so der Text des Liedes. Einige Gefangene holen eine Kopie mit dem Liedtext hervor und ihre Bibel. Leute hinter Gittern, die schwerste kriminelle Taten begangen haben singen laut, dass Gott sie liebt. Da bekommt man eine kalte Gänsehaut. Es ist befreiend, sagen zu können: Gott liebt alle Menschen, egal was sie auf dem Kerbholz haben. Deshalb gibt es eine Chance zum Neustart. Dennoch wissen wir auch, dass die Insassen nicht alles reumütige Sünder sind und längst nicht so brav sind, wie sie gerade aussehen. Einige verbringen Tag und Nacht damit, Fluchtpläne auszuhecken. In der Zelle nebenan sitzen die Dschihadisten. Sie bleiben ruhig und hören zu. Einige fixieren uns mit ihren Blicken. Es ist kaum zu glauben, aber Gott hat auch die lieb.
Unsere Kollegen betreuen in Koulikoro und Bamako mehrere Gefängnisse, die sie regelmäßig aufsuchen. Predigen, Fragen beantworten, Singen, Beten, Medikamente und Essen verteilen, Taufen durchführen und zu einem legalen Neuanfang ermutigen – davon sind die Besuche geprägt. Wir unterstützen diese Arbeit, wenn wir in Mali sind und von Deutschland aus. Es gibt zwar einige Einzelpersonen hier in Mali, die für diese Arbeit Geld oder Sachspenden zur Verfügung stellen, aber keine regelmäßige Unterstützung von hiesigen Ortsgemeinden. Das ist schade. Das soziale Engagement der malischen Gemeinden ist ziemlich minimal ausgeprägt. Mein Kollege sagte uns augenzwinkernd: „Die Gemeinden meinen, sie seien selber arm, deshalb denken sie zunächst an sich und ergreifen deshalb wenig eigene Initiativen, den Nöten anderer zu begegnen.“