dimanche 5 novembre 2017

Bamako | [zweistundeneinundreißigminutenunddreizehnsekunden].

Langes Wort, langer Gottesdienst. Nach 2:31.13 Sek. fiel der Hammer. Zu diesem Zeitpunkt ertönte der Abschiedsgruß, ein lautes Amen und das letzte Lied, das die Gottesdienstbesucher aus dem Gottesdienstraum begleitete, wurde angestimmt.

Wir haben die Zeit genossen. Pünktlicher Beginn. Singen. Lieder in Bambara und Französisch. Aufstehen. Hinsetzen. 
Dreiminütiges Gebet der ganzen Gemeinde, lautes Gemurmel, jeder, wie es ihm ums Herz zumute ist und in der Sprache, die er am besten beherrscht. Wieder singen. Klatschen. Rhythmische Bewegung. Tanz. Reggaemusik. Anbetung. Leute, Gott ist mitten unter uns. Applaus. Dann ganz ruhig, fast volkskirchlich liturgisch ein langsames Bekenntnislied, das Glaubensbekenntnis und Vater Unser in Bambara. Kinderchor. Bambarachor. Frankophoner Chor. 
Gäste ausführlich begrüßen. Das neu gewählte Komitee der gemeindlichen Frauenarbeit vorstellen. Nebenbei noch das Wahlverfahren erklären. Weiter im Programm. Alles nacheinander, unaufgeregt und in Seelenruhe. Informationen für die Gemeinde. Ein Gemeindemitglied war von einer schweren Krankheit genesen. Applaus. Der Gebetstag der Ev. Allianz in zwei Wochen. Einladung zu Hochzeiten, die in den nächsten Wochen irgendwo in Bamako und Umgebung stattfinden werden. Die Familien Dembele und Coulibaly, Väter, Mütter, Onkel und Tanten, Kusinen und Vettern … und noch viele andere Anverwandten haben die Ehre, anlässlich der Hochzeit ihrer Kinder soundso alle zur standesamtlichen und religiösen Zeremonie am soundsovielten nach soundso… knappe zehn Minuten für drei Einladungen in dieser ausführlichen Form in Französisch und in Bambara. All das darf nicht fehlen, weil Gottesdienste auch soziale Plattformen sind, wo Alltägliches und Besonderes aus dem Leben seinen Platz hat.
Um 5 nach halb Elf wurde der Prediger des Tages vom Gesang des Chors auf die Kanzel begleitet. Zu diesem Zeitpunkt waren schon 95 Minuten des Gottesdienstes vorbei. Ach ja, im fernen Deutschland hörte ich in diesem Moment die Hufen der Ungeduldigen scharren und sah eine Menge Augen, die auf Uhren starrten. Manch ein perfektionistisch gearteter Gottesdienstleiter hätte schon längst das Papier mit dem minutengetackteten Gottesdienstprogramm in die Tonne geknallt. Die Predigt dauerte 55 Minuten, auch deshalb weil sie aus dem Französischen ins Bambara übersetzt werden musste.

Auch wir wurden als Gäste besonders begrüßt. Der Monsieur Alfred ist da, mit seiner Madame Christiane. Die Ankündigung erfolgte zunächst in Bambara. Da die Übersetzung ins Französische von einem Jugendlichen vorgenommen wurde, fügte er dem Namen Christiane die Wendung, qui est notre maman (dt. welche unsre Mama ist) hinzu. Das ist eine Ehrenbezeichnung, die zeigt, dass Christiane als eine „von uns“ respektvoll behandelt wird. Als dann später Enoc S., der Pastor der Gemeinde, als Gleichaltriger Christiane als Alfreds Ehefrau vorstellte, sprach er von der épouse (Ehefrau). Der junge Mann, der das dann ins Bambara übersetzte, sprach nicht von a muso (seine Frau), sondern von ale demebaa (seine Helferin). In westlichen Ohren klingt das altertümlich und nicht gerade so, als ob die Gleichberechtigung zur Normalität gehörte. Doch in der malischen Kultur ist diese Form der Anrede Ausdruck von distanzierter Weisheit und Respekt der älteren Dame gegenüber.

Am Ende stürmen die Leute nicht einfach so aus dem Gebäude. Alles hat auch hier seine Ordnung. Alle stehen auf. Dann verlassen als erstes die Damen aus der ersten Reihe den Raum. Danach sind die Herren an der Reihe. Die jeweils zum Gang hin stehenden Personen werden mit einem Handschlag von den Hinausschreitenden verabschiedet. Draußen gehen dann das Grüßen und das laute Geplauder weiter. Und wir hatten als Gäste das Vergnügen, im Salon des Pastors noch einige Neuigkeiten auszutauschen und ein kühles Getränk zu uns zu nehmen. Es hat mal wieder sehr viel Freude gemacht heute. Und der Vergleich mit deutschen Gottesdiensten würde uns nicht wirklich weiterhelfen …