Mittwoch, 15. Juni 2016

Soweto | Es lebe der Aufstand - 40 Jahre danach

Am 16. Juni 2016 jährt sich zum vierzigsten Mal das Ereignis, das die Geschichte Südafrikas und des ganzen afrikanischen Kontinents erschüttert und verändert hat. Der Aufstand von Soweto war ein massiver Ausdruck der Ohnmacht und der Wut gegen das rassistische Segregationsprinzip der südafrikanischen Regierung. Wir nennen es die Apartheid, Gesondertheit oder Rassentrennung. Die Stimmung hatte sich besonders in den 1960er Jahren nach der Festnahme von Nelson Mandela und seinen Freunden aufgeheizt. Im Juni 1976 lief das Fass über, ...
oder besser – das Pulverfass explodierte. Der Exodus begann, nachdem sie Moses eingesperrt und in den Untergrund gedrängt hatten. Tausende von Schülern und Studenten gingen auf die Straße im von Schwarzen bevölkerten Soweto. Soweto entstand 1963 als Zusammenschluss zahlreicher Townshipsiedlungen im Südwesten der Metropole Johannesburg.

Was war der zündende Funke des Aufstandes? Die Regierung hatte beschlossen, dass der gesamte Schulunterricht in der Sekundarstufe neben Englisch auch in Afrikaans, der Sprache der weißen Buren stattfinden sollte. Der sogenannte Bantu Education Act von 1953 sah aufgrund der Empfehlung der Eiselen-Kommission (1951) vor, den Unterricht bis zur 8. Klasse in der jeweiligen Muttersprache zu erteilen. Englisch und Afrikaans sollten ab der 2. bzw. 4. Klasse wegen ihrer Bedeutung als Amtssprachen unterrichtet werden. Die Zentralregierung fürchtete jedoch, dass Afrikaans ins Hintertreffen kommen könnte und ordnete entsprechende Maßnahmen an. Der Unterricht in den Amtssprachen beschränkte sich jedoch auf grammatikalische Grundkenntnisse und Übersetzungsarbeit. Die schwarzen Schüler waren gegenüber den weißen Schüler im Nachteil. Sie sahen sich ihrer Bildungschancen beraubt. Eltern, Lehrerverbände und der Südafrikanische Kirchenrat protestierten vergeblich. Es bildeten sich Schüler- und Studentenverbände, die Boykotts und Protestaktionen organisierten. 

Eigentlich war die Anordnung, Afrikaans flächendeckend als Unterrichtssprache einzuführen gegen das Segregationsprinzip. Der Regierung in Pretoria ging es in Wirklichkeit um die Vorherrschaft der Buren, der Afrikaaner, als in der Minderheit lebende politisch bestimmende Kraft. 
In den Augen der Schwarzen waren die Buren jedoch Unterdrücker. Der Widerstand formierte sich. Banderolen wurden ausgerollt: Zum Teufel mit Afrikaans! Afrikaans stinkt! - Der Protest gegen die erzwungene Schulreform mündete in die Wut gegen das rassistische Regime.

Wie reagierten die Sicherheitskräfte? Die Demonstration geriet aus dem Ruder. Die Polizei erhielt die Anordnung, auf die Schüler zu schießen. Der 16. Juni 1976 war der Anfang . 15.000 Schüler formierten sich zum Protestmarsch. In den folgenden Wochen und Monaten kam es auch in anderen Townships zu Demonstrationen, die gewaltsame Zusammenstöße zur Folge hatten. Daran nahmen insgesamt 250.000 Menschen teil. Laut Polizeibericht kamen bei den Unruhen 575 Menschen zu Tode. Fast 6.000 wurden verletzt. Die Medien aus aller Welt berichteten und zeigten allen, wie unmenschlich das südafrikanische Regime mit der schwarzen Mehrheit umging. Es kam im Anschluss daran zu Wirtschaftssanktionen gegen Südafrika, die mal beachtet, mal hintergangen wurden.

Erst 1994 kam es zum entscheidenden Politikwechsel. Nelson Mandela wurde 1992 aus der Haft entlassen und zwei Jahre später der erste demokratisch gewählte schwarze Präsident seines Landes. Dan Montsitsi, einer der schwarzen Anführer von 1976, wird in diesem Jahr zum ersten Mal an einem Friedensmarsch in Soweto teilnehmen, an dem auch Vertreter der damaligen Sicherheitskräfte (Militär) teilnehmen werden. Das ist umstritten. Die Reaktionen sind kontrovers. Es sei Mangel an Respekt vor den Toten, beklagt Granny Seape, die Schwester von Hastings Nldovu, die 17-jährig bei den damaligen Unruhen verstarb. Die Wunden sind noch nicht geheilt. Vergebung braucht Zeit. Dan Montsitsi vermutet, dass viele weiße Südafrikaner noch heute in Schwarzafrikanern einen potentiellen Terroristen oder eine gefährliche Person sehen. (Quelle: Le Point)

Mein persönliches politisches Gewissen ist damals Mitte der 1970er Jahre aufgrund dieser Ereignisse und der breiten Berichterstattung in den deutschen Medien erwacht. Ich weiß noch heute, wie ich mit starrem Blick die Nachrichten auf dem Bildschirm verfolgte und in mir die Wut hochstieg. Was muss das für ein Gefühl der Ohnmacht gewesen sein, das tausende Schüler auf die Straße und vor die Flinten von Polizisten trieb?
Ich habe mich gefragt, wie es zu einem solchen Apartheidsystem kommen konnte. Bei der Suche nach Antworten bin ich auf politische Ideologien, aber auch auf theologische Ansichten gestoßen, die damals gerechtfertigt erschienen und deren wir uns als Christen heute schämen müssen.

Apartheid ist eine staatlich festgelegte, von den europäischstämmigen Volksgruppen selbstherrlich erhobene politische Doktrin. Sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts und erlebte ihre Hochphase zwischen 1940 und 1980. Nach dem Politikwechsel 1994 gilt rassistische Segregation mittlerweile als Strafbestand internationalen Rechts.
Bis 1857, so sagen uns die Chronisten, war es problemlos und selbstverständlich, dass Schwarze und Weiße in gemischten Gottesdiensten beteten und Kontakte pflegten.
Die Niederländisch Reformierte Kirche beschloss jedoch, die Gottesdienste künftig in einem getrennten Gebäude abzuhalten. 

Der plötzliche Wechsel der Kirchenpolitik musste gerechtfertigt werden. Man berief sich damals auf 5. Mose 7,12-26; 23,2 oder auf Josua 23,9-13. Die Buren der Reformierten Kirche machten bei ihrer eigenwilligen Exegese eine einfache Rechnung auf. Wir, die Buren von heute, sind die Israeliten von damals. Uns ist ein Land versprochen worden, Reichtum, Wachstum und der Sieg über unsere Feinde. Denen wird es wie den Ägyptern ergehen. Die afrikanische Bevölkerung mit ihrem Götzendienst ist ein Gräuel und verdient den Untergang. - Das ist eigennützige biblizistische Exegese, die den eigenen Vorteil sucht, die Anderen missachtet und die Ehre Gottes mit Füßen tritt.
Bei der rassistsch eingefärbten und vom dominanten Unterton geprägten Exegese dieser Stellen wurde die ursprüngliche historische Intention verdreht und zusätzlich durch die calvinistische Lehre von der Vorherbestimmung (Prädestination) ins Extreme und zugunsten der weißen Bevölkerung weiterentwickelt. Die Weißen sind die von Gott Vorherbestimmten, die dafür sorgen müssen, dass es zu keiner Vermischung der Rassen kommt. Sie gehören, wie Israel damals, zum erwählten Volk, zum Volk des Eigentums, dem das Recht zugesprochen wurde, fremdes Land ihr Eigen zu nennen und die anderen Völker zu unterwerfen.
Bis heute wird die Frage kontrovers diskutiert, inwiefern die Schriften Calvins der Idee der Segregation Vorschub geleistet haben. Die Gegner dieser These bestreiten seit den 1980er Jahren stark, dass Calvin als Urheber der Rassentrennung angeführt werden kann und berufen sich dabei auf Calvins Exegese von Gal. 3,26-28: Gleichheit in Christus von Armen und Reichen, Sklaven und Freien, Frauen und Männern, Juden und anderen Nationen. Zum anderen hat Calvin das Konzept der Prädestination als theologische Begründung der souveränen Gnade Gottes entwickelt. Dies schließt eine anthropozentrische Interpretation aus, wo eine Gruppe von Menschen sich als auserwählt ansieht und daher das Recht zur Unterdrückung ableitet.

Aus dieser Geschichte habe ich als Jugendlicher selbst ein paar Lektionen gelernt:
  • Ich möchte mich für die Gleichheit aller Menschen einsetzen, egal woher sie kommen, oder welcher Volksgruppe oder Religion sie angehören. 
  • Ich werde mir den Mund nicht verbieten lassen. Wenn die Ohnmacht zu stark wird, werde ich mich wehren. Es kann nicht sein, dass starke Minderheiten die Mehrheit knechten.
  • Ich werde mich vor Leuten hüten, die für sich die Wahrheit gebucht haben und ihre höherrangige Position ausnutzen. Mein blindes Vertrauen in politische und religiöse Autoritäten wurde erschüttert.
  • Ich werde mich vor Biblizisten gehörig in Acht nehmen, die ihre Schriftkenntnis missbrauchen. Es sind moderne Schriftgelehrte und selbsternannte heilige Wächter, die das Wort der Bibel ohne dessen historischen und ursprünglichen kulturellen Kontext zu berücksichtigen auf die heutige Zeit übertragen und meinen, alle anderen müssten sich ihrer Interpretation fügen. 
Zum Andenken an den am 16. Juni 1976 ums Leben gekommenen 12-jährigen Schüler Hector Peterson wurde in Soveto ein Denkmal errichtet. Die Inschrift lautet: 
„Zu Ehren der Jugend, die ihr Leben gab im Kampf für Freiheit und Demokratie.
Zum Andenken an Hector Peterson und allen anderen jungen Helden und Heldinnen unseres Kampfs, die für Freiheit, Frieden und Demokratie ihr Leben ließen.“

Den Jugendlichen von damals gehört unser Respekt. Die Seelen der Getöteten mögen weiterhin in Frieden ruhen. Gott möge den Überlebenden ihren Hass nehmen, die Bereitschaft zur Vergebung wecken – und uns allen die Gnade, die richtigen Schlüsse aus diesen Ereignissen zu ziehen. 

Der Aufstand der Schüler war kein Aufstand der Illegalen, sondern derjenigen, die im Recht waren. Das Gedenken an ihre Opfer ist eine Erinnerung daran, dass Gott alle Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat und keiner das Recht hat, andere zu verfolgen oder zu unterdrücken.