Mittwoch, 10. Februar 2016

FATMES | wenn der Kontext uns den Weg zeigt


Larry ist ein erfahrener amerikanischer Missionar, der seit 1984 mit seiner Familie im nördlichen Macina unter den Peulh (malische Volksgruppe der Viehhirten) arbeitet. Am 8. und 9. Februar war er in Begleitung seiner Frau zu einem missionstheologischen Seminar als Gastdozent an der FATMES. 18 Studenten und Dozenten waren dabei.
Beeindruckend ist, wie Larry und seine Frau ihre Arbeitsstrategie im Laufe der Jahre immer wieder theologisch unter die Lupe genommen und sie dem Kontext angepasst haben. Die stark islamisierten Peulh können nicht auf die traditionelle Art und Weise evangelisiert werden – konkret: Missionsteams rausschicken, den Jesus-Film zeigen, ein Grundstück erwerben, eine klassische Gemeinde gründen und hoffen, dass sie im Laufe der Zeit wächst. Larry Vorgehensweise setzt auf das Vorbild Jesu. Missionarische Präsenz ist das Stichwort. Einfach das Leben teilen, damit Muslime die Chance haben, zu beobachten, was es bedeutet, als Nachfolger Jesu zu leben. So bezeichnen sich die wenigen Bekehrten auch nicht als Christen, sondern als Jesusnachfolger. Mit den Wörtern „Christ“ oder „Christentum“ verbinden die meisten Muslime das westliche Konzept einer Alternativreligion, die sie zwingt, alle bisherigen kulturellen Werte und Lebensweisen aufzugeben.

Das sind enorme Hindernisse. Die Apostel hatten jedoch lt. Apostelgeschichte 15,10 beschlossen, Gott nicht dadurch auf die Probe zu stellen, indem die Gemeinde den jungen Christen unnötige Lasten auf ihren Nacken legt, die weder die Väter noch die Gläubigen tragen können.

Aber genau das geschieht zu oft in der klassischen Missionsarbeit. Zu schnell werden Verhaltensregeln und Strukturen etabliert, an die sich Jesusjünger aus einem hochislamisierten Kontext nur schwer gewöhnen können. Zu schnell wird von Neubekehrten verlangt, sich als „Christen zu outen“, ohne zu bedenken, dass dies den Bruch mit der Familie bedeutet und in die soziale Isolation führt. Es gilt stattdessen, alternative Formen der Gemeinschaft und des Bekenntnisses zu finden, die nicht an Kirchengebäude, formelle Mitgliedschaft und vorgegebene pastorale Strukturen eines Gemeindebundes gebunden sind. Es gilt Begriffe zu gebrauchen, die weniger „anstößig“ sind und an eine christliche Kultur erinnern. Die Erfahrung zeigt, dass der Geist Gottes weht wo er will, auch in der Weite des Macina unter den Peulh. Peulhhirten beginnen an Jesus zu glauben, werden seine Jünger und entwickeln in der Kraft Gottes eigene, ungewöhnliche Wege, ihren Glauben zu leben und zu bekennen. Das ist Mut machend. Es gibt bisher nur vereinzelt malische Missionare und Evangelisten, die unter den Peulh arbeiten. Das hat strategische Gründe, weil die meisten nicht wissen wie das funktioniert, unter einer nomadisierenden Volksgruppe zu arbeiten. Es gibt aber auch kulturelle Gründe. In Mali bestehen seitens der meisten Ethnien große Ressentiments gegenüber den Peulh, die sich für etwas Besseres halten und denen schwer beizukommen ist.

Larrys Theologie der Mission basiert auf der Weite des Reiches Gottes, die über den religiösen Strukturen des etablierten Christentums angesiedelt ist. Es ist die jahrelange Erfahrung im islamischen Kontext, die die Strategie vorgibt und nicht der Gemeindeverband oder eine Missionsgesellschaft. Als Larry die gewagte These aufstellte, dass die formell religiösen Formen des Christentums nicht von bleibender Dauer sind und daher nicht den ewigen Werten des Reiches Gottes angehören, da konnte man die Unruhe auf den Stühlen und in den Köpfen geradezu greifen. 

Als Gemeinden und Missionsorganisationen können wir unsere Strategien nur dann relevanter gestalten, wenn wir uns selbstkritisch hinterfragen, uns der Weite des Reiches Gottes öffnen und der Wahrheit und den Ideen, die Gott uns schenkt, freien Lauf lassen. Arbeitsformen und Organisationen verändern sich deshalb oft so langsam, weil sie von Menschen geprägt und angeführt werden, die es verlernt haben, sich den konstruktiven Ideen des Geistes Gottes auszusetzen, denen ihre Diplomatie und political correctness letztlich den Mut rauben, Klartext zu reden und auch gegen Widerstände Neues zu wagen.
Der stark kontextualisierte Ansatz, den Larry vortrug, fordert die klassische Missionsarbeit heraus. 
In der sehr kontrovers und engagiert geführten Diskussion kam genau das zum Vorschein. Malische Pastoren und Theologen sind wie die meisten Missionare von dem Geist des „historischen Christentums“ geprägt, wo Gemeindewachstum auf dem Ernteprinzip beruht, wo vorgegebene Programme und Arbeitskreise sowie die Größe der Gemeinde im Mittelpunkt stehen. Die großen Gemeinden in Bamako sind im Grunde genommen Kopien westlicher Modelle und nur sehr bedingt das Ergebnis kontextrelevanten Gemeindebaus. Das einzusehen, fällt den traditionsbewussten Maliern noch schwerer als uns Missionaren. Keiner lässt sich gerne in Frage stellen. Keiner springt vor Freude in die Luft, wenn er merkt, dass seine bisherige Strategie zu enggestrickt war.
Fazit: Wer im islamischen Kontext Menschen gewinnen und „Erfolge“ erzielen will, der muss sehr viel Geduld mitbringen – viele Stunden auf der Matte sitzen und einfach nur Jesus vorstellen, nicht zu schnell anfangen die Erfolge statistisch zu erfassen, zu überhastet an den Bau eines Gemeindehauses denken oder an die Einsetzung eines funktionierenden Gemeindekomitees. Er muss lernen, den Geist Gottes wirken zu lassen und abzuwarten, bis die Menschen selber die Formen und Strukturen ihres religiösen Lebens entwickeln. Gottes Geist entfaltet sich frei und wirksam, auch ohne gutgemeinte menschliche Strategievorlagen.